Waldbrände, Dürren, Überschwemmungen: Das ist die Klima-Zukunft unserer Kinder

Stand: 08.11.2022, 17:58 Uhr

Dass Kinder in der "Fridays for Future"-Bewegung seit 2018 für den Klimaschutz streiken, hat einen Grund: Für sie werden die Folgen des Klimawandels besonders hart.

Wissenschaftler und Klimaforscher warnen seit Jahren: Wenn wir so weitermachen wie bisher, dann steuern wir in eine sehr düstere Zukunft. Und auch wenn die genauen Kipppunkte klimatischer Prozesse unklar sind, steht dennoch fest, die Auswirkungen des Klimawandels werden für die zukünftigen Generationen sehr hart.

Klima-Experte Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, sagte allerdings unlängst in einem FAZ-Interview, dass wir bei einer Erwärmung der Atmosphäre von mehr als zwei Grad "auf komplettem Neuland sein" werden, und eine Erwärmung um 2,4 Grad sieht er als "Desaster".

Verabschiedung vom 1,5-Grad-Ziel

Eine offene Häuserfront direkt am Fluss.

Bei der Flutkatastrophe 2021 starben in Deutschland mehr als 180 Menschen.

Wie es etwa in Deutschland für die dann erwachsenen Kinder von heute genau aussehen wird, mag sich im Detail nicht sagen lassen, doch Forscher wissen, dass es global betrachtet "extrem" wird. "Ein Kind, das im Jahr 2021 geboren wurde, wird im Laufe seines Lebens durchschnittlich doppelt so viele Waldbrände, zwei- bis dreimal so viele Dürren, fast dreimal so viele Flussüberschwemmungen und Ernteausfälle sowie siebenmal mehr Hitzewellen erleben als eine Person, die heute zum Beispiel 60 Jahre alt ist", hatten Forscher 2021 in der Zeitschrift Science auf der Grundlage von Daten des Inter-Sectoral Impact Model Intercomparison Project (ISIMIP) prognostiziert.

Dieses Modell ging von den "ungenügenden Zusagen" vor der Weltklimakonferenz in Glasgow im Jahr 2021 aus. Und bis zur jetzigen 27. UN-Klimakonferenz (COP27), die vom 6. bis 18. November im ägyptischen Scharm El-Scheich stattfindet, hat sich substanziell kaum etwas verbessert. Hatte man damals als Erfolg verbucht das 1,5-Grad-Ziel "am Leben" erhalten zu haben, so ist davon nicht viel geblieben: "Die Wahrscheinlichkeit, dass wir unter 1,5 Grad bleiben könnten, ist null", sagt Rockström.

Tödliche Wetterereignisse wie bei der Flut 2021

Vor diesem Hintergrund reden wir auch in Ländern mit gemäßigterem Klima wie in Deutschland nicht mehr nur über mehr hitzefreie Tage in der Schule, sondern über extreme Wetterereignisse wie die verheerende Flutkatastrophe im Juli 2021, als in NRW und Rheinland-Pfalz mehr als 180 Menschen starben, darunter auch Kinder und Jugendliche.

Auch wenn Kinder in Deutschland im globalen Vergleich weniger stark durch die Folgen des Klimawandels und der Umweltzerstörung gefährdet seien, sieht Unicef, das Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen, sie gefährdet: "So liegt beispielsweise die Luftverschmutzung in Deutschland über dem von der WHO empfohlenen Wert. In manchen Regionen besteht für Kinder die Gefahr, dass das Meer und Flüsse über die Ufer treten, wie wir es im letzten Jahr bei der Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz erlebt haben", sagt Pressereferentin Jenifer Stolz.

Die gravierendsten Auswirkungen des Klimawandels werden jedoch Kinder jenseits der Grenzen Europas zu spüren bekommen. Schon heute seien rund eine Milliarde Kinder extrem stark gefährdet - etwa in Ländern wie der Zentralafrikanischen Republik, dem Tschad, Nigeria, Guinea und Guinea-Bissau. Die Situation für sie sei deshalb so bedrohlich, weil sie hier oftmals mehreren klima- und umweltbedingten Gefahren ausgesetzt seien und die Gesundheitsversorgung zudem unzureichend sei, so Stolz.

Steigende Hitze mit "verheerenden" Folgen für die Gesundheit

Der Blick in die Zukunft verheißt da wenig Gutes. Für Unicef ist schon jetzt klar, "dass die jungen Menschen von heute und kommende Generationen mit den Auswirkungen des sich verändernden Klimas leben müssen". 2020 sei fast jedes vierte Kind häufig Hitzewellen ausgesetzt gewesen. Die würden in 30 Jahren bei einem Anstieg der Erderwärmung um 1,7 Grad überall unvermeidbar zum Aufwachsen von Kindern gehören – "mit verheerenden Folgen für die Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern".

Das gelte auch für langandauernde und schwere Hitzewellen in Deutschland: "Bei einer Erderwärmung um 2,4 Grad werden im Jahr 2050 nahezu alle Kinder in Deutschland hiervon betroffen sein. Auch für dieses Szenario müssen wir vorbereitet sein", betont Stolz. Die Hitze sei aber nur ein Risikofaktor. Besonders schlimm träfe es Kinder, wenn mehrere Risikofaktoren zusammenkommen, wie gerade etwa in den Ländern am Horn von Afrika, die augenblicklich die schlimmste Dürre seit 40 Jahren erleben: "Mindestens zehn Millionen Kinder am Horn von Afrika leiden aktuell unter akutem Hunger, Mangelernährung und Durst. Das sind alarmierende Zahlen."

Die "totale Katastrophe" lasse sich verhindern

Dass der Klimawandel tödlich sein kann, lasse sich mit Zahlen trotzdem schwer belegen: "Auch weil die Nachwirkungen von klimabedingten Risiken wie beispielweise Überschwemmungen oftmals tödlicher sind als das Ereignis selbst", sagt Stolz. So hätten Überschwemmungen zum Beispiel in diesem Jahr zur verstärkten Ausbreitung von Mangelernährung, Malaria, Cholera und Durchfallerkrankungen beigetragen – den Haupttodesursachen bei Kindern. Bereits 2018 starb alle zwei Minuten ein Kind an Malaria. "Doch das ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was die Klimakrise für Kinder und Jugendliche bedeutet", so Stolz.

Wie stark die kommenden Generationen durch den Klimawandel bedroht sind, wird auch davon abhängen, auf was sich die Länder bei der Klimakonferenz in Ägypten verbindlich einigen können. Dass sich Klima-Experten wie Rockström vom 1,5-Grad-Ziel verabschiedet haben, heißt nicht, dass sich der Kampf fürs Klima nicht mehr lohne. Tatsächlich zähle jedes Zehntelgrad, sagte Rockström der FAZ: "Wir können es schaffen, die Tür zu einer totalen Katastrophe geschlossen zu halten."

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