EZB erhöht den Leitzins: Was bedeutet das für uns

Stand: 10.06.2022, 16:19 Uhr

Erstmals seit elf Jahren wird es im Euroraum eine Zinserhöhung geben. Das hat die Europäische Zentralbank am Donnerstag beschlossen. Die Erhöhung des Leitzinses hat unterschiedliche Auswirkungen auf die Menschen in NRW.

Christine Lagarde erläutert die geldpolitischen Entscheidungen des EZB-Rates während einer Pressekonferenz.

Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank

Mit der ersten Zinserhöhung seit elf Jahren reagiert die Europäischen Zentralbank (EZB) auf die Rekordinflation. Der EZB- Rat kündigte bei seiner Sitzung am Donnerstagnachmittag in Amsterdam an, die Leitzinsen im Juli um jeweils 0,25 Prozentpunkte anzuheben.

Historisch gesehen sei dies ein immer noch sehr geringer Wert, aber gleichzeitig ein erster Schritt in die richtige Richtung, um die hohe Inflationsrate wieder in niedrigere Bereiche herunter zu bringen, so Prof. Bernd Kempa, Direktor des Instituts für Internationale Ökonomie der Universität Münster.

Lohnt es sich jetzt wieder, Geld anzusparen?

Ja. Im Wesentlichen profitieren diejenigen, die sparen. Also Menschen, die in absehbarer Zeit wieder positive Zinsen auf ihr Konto bekommen werden. Die Zeit der Null-Zinsen ist erstmal vorbei. Dennoch warnt Prof. Bernd Kempa angesichts der immer noch hohen Inflation vor zu großer Euphorie:

"Wenn ich zwar jetzt einen geringen Zins bekomme, aber im nächsten Jahr deutlich mehr für die Güter bezahlen muss, wenn ich die Zinsen ausbezahlt bekomme, dann ist mir damit am Ende auch nicht wirklich geholfen." Prof. Bernd Kempa, Direktor des Instituts für Internationale Ökonomie der Universität Münster

Vielmehr sei die Zinserhöhung als Anreiz zu verstehen, langfristig wieder mehr anzusparen. Denn es ist davon auszugehen, dass die EZB mit der Zeit weitere Zinserhöhungen in den Markt gibt.

Was ändert sich für eine vierköpfige Familie mit schmalem Budget?

Für eine vierköpfige Familie mit knappem Budget ändert sich zunächst nicht viel. Sie muss zurzeit allerdings mit den steigenden Lebenshaltungskosten klarkommen. Die Inflation wird durch die Zinserhöhung der EZB nicht direkt gestoppt. Sollte die Familie in finanzielle Schieflage geraten und einen Kredit benötigen, dürfte der teurer werden.

Bei einem schon bestehenden Kredit, zum Beispiel für ein Auto, dürfen die Zinsen aber nicht im Nachhinein nach oben angepasst werden. Anders sieht es aus, wenn eine Anschlussfinanzierung für einen Immobilienkredit ansteht. Bei Neufestsetzung dürften auch dafür die Zinsbelastungen steigen.

Was kann ein 70-jähriger Rentner mit Erspartem erwarten?

Ein 70-jähriger Rentner mit Erspartem auf einem Tagesgeldkonto, das er für seinen Lebensabend einsetzen möchte, hatte in den vergangenen Jahren wenig Freude, weil die Zinsen immer niedriger wurden und die meisten Banken inzwischen auch Verwahrentgeld verlangen.

Durch die Zinsanhebung der EZB könnten in nächster Zeit "Strafzinsen" wegfallen und Sparzinsen wieder steigen. Spürbare Effekte wird der Rentner kaum feststellen, weil die Zinsen nur in sehr kleinen Schritten angehoben und durch die derzeit hohe Infaltion aufgefressen werden.

Was kann ein junges Paar angespartem Vermögen erwarten?

Für ein junges Paar, das bis jetzt ein Vermögen von 50.000 Euro aufgebaut hat, verhält es sich ähnlich, wie bei dem Rentner. Niedrige Sparzinsen und Verwahrentgeld haben dem Vermögensaufbau nicht gutgetan.

Das Paar hat bisher aber gute Renditen mit einem 25 Euro-Sparplan in einen Indexfond erzielt. In Zukunft dürften die Aktienmärkte sich aber eher seitwärts entwickeln, weil viele Anleger aus Aktien in festverzinste Anlagen umschichten.

Welche Auswirkungen haben höhere Zinsen für die Finanzierung eines Eigenheims?

Für Menschen, die einen Neukredit bei einer Bank aufnehmen wollen, wird es ab sofort teurer. Damit wird das Bauen eines Eigenheims oder Erwerb von Immobilien und Grundstücken insgesamt teurer.

Das betrifft genauso die Finanzierung von Autos und Küchen. Auch Konsumenten-Kredite werden anziehen im Preis. Also Schuldner werden verlieren, wenn sie sich Geld bei den Banken ausleihen möchten.

Was bedeutet die Zinswende für Unternehmen?

Wer ein Start-Up-Unternehmen gründet und dafür einen Kredit benötigt, der zahlt erstmal drauf. Insbesondere für kleine Ein-Personen-Betriebe, die nicht sonderlich liquide sind, wird das möglicherweise zum Problem.

Vorab muss klar sein, dass genügend Erträge absehbar sind, um die Banken dazu zu bewegen, diesen Start-Ups Kredite zu gewähren. Der Zinssprung wird das Unternehmertum möglicherweise etwas zurückdrängen, befürchtet Prof. Dr. Bernd Kempa.

Kann eine Inflation durch höhere Zinsen begrenzt werden?

Höhere Inflationsraten schmälern die Kaufkraft von Verbraucherinnen und Verbrauchern, weil sie sich für einen Euro dann weniger leisten können. Andere große Notenbanken wie die Fed in den USA und die Bank of England haben als Reaktion auf hohe Inflationsraten ihre Leitzinsen bereits mehrfach angehoben.

Denn mit höheren Zinsen kann die steigende Inflation bekämpft werden - zumindest, wenn diese durch eine hohe Nachfrage getrieben ist. Vereinfacht gesagt: Höhere Zinsen sorgen dafür, dass Kredite teurer werden. Unternehmen und Verbraucher können sich dann nicht mehr so billig Geld leihen - und weniger ausgeben. Dann geht der Konsum zurück und damit fallen die Preise.

So beeinflusst der Leitzins die Inflation

Was bedeuten höhere Zinsen bei einer Inflation durch Knappheit - wie aktuell bei uns?

Im Euroraum sieht die Situation derzeit allerdings anders aus. Getrieben werden die Preise hier nicht von einer hohen Nachfrage - sondern vor allem von einem knappen Angebot an Gütern.

Beispielsweise Energie-Rohstoffe sind derzeit knapp. Das liegt einmal am russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Aber auch Probleme in den Lieferketten durch Corona verringern das Angebot. Öl beispielsweise wird vielfach via Schiff transportiert - doch wenn in einem Hafen die Arbeit wegen eines Lockdowns ruht, kann der Rohstoff nicht verschifft werden.

Daran kann die EZB nichts ändern. Aber: Sie kann die Lage trotzdem beruhigen - allein damit, dass sie mit einer Zinserhöhung Bereitschaft zum Gegensteuern signalisiert.

Keine teure Anleihenkäufe mehr

Auf der EZB-Sitzung in Amsterdam wurde außerdem beschlossen, ab Juli keine Milliarden mehr in den Kauf von Staatsanleihen und Wertpapieren von Unternehmen zu stecken. Damit laufen millionenschwere Netto-Anleihenkäufe zum Juli hin aus.

In den vergangenen Wochen hatte der Druck auf die EZB nach Jahren "ultralockerer Geldpolitik" deutlich zugenommen. In Deutschland sprang die jährliche Inflationsrate im Mai mit 7,9 Prozent auf den höchsten Stand seit fast 50 Jahren - vorläufigen Zahlen zufolge.

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