Amazon will mit Saugrobotern Wohnungen vermessen

Stand: 09.08.2022, 14:58 Uhr

Der Internetkonzern Amazon will iRobot kaufen, einen der führenden Hersteller von Saugrobotern. Denn Saugroboter sammeln nicht nur Staub und Dreck ein, sondern auch jede Menge Daten: Sie kartografieren Wohnungen und sammeln Erkenntnisse. WDR-Digitalexperte Jörg Schieb erklärt die Hintergründe.

Einer der mächtigsten Konzerne der Welt kauft einen Hersteller von Saugrobotern. Das klingt erst mal ein wenig überraschend. Denn welches Interesse sollte ein Megakonzern wie Amazon daran haben, Apparate zu verkaufen, die durch die Wohnung rollen, Staub einsammeln und Pfotenabdrücke der geliebten Haustiere wegwischen?

Kaufsumme von 1,7 Milliarden Dollar

Jeff Bezos Onlinekonzern will sich den Deal 1,7 Milliarden Dollar kosten lassen. iRobot ist einer der führenden Hersteller von Haushaltsrobotern jeder Art, bekannt für seinen Saugroboter "Roomba" und den Wischroboter "Scooba" (seit neuestem "Braava"). Das Unternehmen stellt noch eine Vielzahl weiterer Roboter her, etwa Mähroboter oder Poolreinigungsroboter.

Noch ist nicht klar, ob der Deal von den Kartellbehörden in den USA genehmigt wird. Denn Kritiker befürchten unter anderem, dass Amazon seine eigenen Roboter dann beim Verkauf auf dem Marketplace bevorzugen könnte – so wie in der Vergangenheit schon andere Eigenmarken. Solche Fragen werden vorher zu klären sein.

Saugroboter vermessen die Wohnung

Doch vermutlich interessiert sich Amazon nicht in erster Linie für den Umsatz mit Haushaltsrobotern, auch wenn das angesichts einer alternden Gesellschaft eine Wachstumsbranche ist. Viel interessanter sind die Daten, die beim Saugen anfallen – und das ist den meisten Nutzern solcher Hightech-Helfer im Haushalt nicht bewusst.

Moderne Saugroboter erstellen eine detaillierte Karte von den Räumen – und speichern sie auf Servern

Moderne Saugroboter sind mit diversen Sensoren ausgestattet: Sie erfassen Wände, Teppiche, Stufen und Möbel – damit sie nicht dauernd plump dagegen fahren. Gleichzeitig werden Daten erfasst. Mit der Zeit entsteht eine Art Grundriss der Wohnung, zumindest des Bereichs, in dem der Sauroboter seine Arbeit verrichten darf – oder soll. Der Roboter "weiß“ also irgendwann, wo er saugen kann – und wo Möbel im Weg stehen. Die Maschine lernt und erstellt intern einen detaillierten Plan. Eine Karte, die sich "Smart Map“ nennt, weil Nutzer in der App genau einstellen können, welche Bereiche gesaugt und welche gewischt werden, aber auch welche tabu sein sollen.

Smart Maps: Wo stehen die Möbel?

Die Saugroboter von iRobot waren da wegweisend. Bereits 2017 standen diese Smart Maps in der Kritik, weil damals der Verdacht aufkam, der Hersteller könne die Daten verkaufen – oder anderweitig vergolden. Damals bestritt das Unternehmen diesen Vorwurf energisch. Doch jetzt wird das komplette Unternehmen verkauft: an Amazon, einen der größten Daten-Einsammler der Welt.

Daten wandern künftig zu Amazon

Wer einen iRobot durch die seine Wohnung saugen lässt, muss mit dem Verdacht leben, dass der kleine Helfer die Daten an Amazon übermittelt. Das gilt als sicher, denn die Maps werden nicht im Gerät, sondern auf Servern gespeichert.

Auf diese Weise erhält Amazon reichlich interessante und verwertbare Daten: Wie groß ist die Wohnung, wo stehen Möbel, wann sind die Bewohner des Hauses zu Hause, wann sind sie arbeiten. Selbst ob Haustiere im Haus wohnen, könnte der Saugroboter nach Hause funken. Denn wenn regelmäßig Tierhaare und Pfotenabdrücke beseitigt werden müssen, ist das ein klares Indiz.

Spätestens dann kann Amazon Tierpflege-Produkte anbieten – und die Menschen fragen sich: "Woher wissen die das nur?“

Amazon "Astro“ war ein Flop

Der Haushaltsroboter "Astro“ von Amazon war bislang ein Flop

Im September 2021 hatte Amazon einen eigenen Robotor namens "Astro“ vorgestellt: Er soll durch die Wohnung rollen und mit den Bewohnern sprechen. Auch Astro vermisst die Wohnung und erstellt Karten. Bislang hat Amazon nur wenige Hundert Exemplare davon verkaufen können. Mit Saugrobotern kommt Jeff Bezos Unternehmen schneller an die Daten heran.

Amazon sammelt und verwertet Daten aus allen Quellen: Welche Produkte suchen und kaufen wir, was schauen wir uns an, welche Fragen stellen Alexa-Nutzer, welche Musik wird gehört oder welche Filme schauen sich Prime-Video-User an? Wie ist die Stimmungslage? Alexa kann das anhand der Stimmlage erkennen...

Amazon ist ein Weltmeister im Einsammeln und Verwerten von Daten. Die Annahme, dass auch von Haushaltsrobotern eingesammelte Daten für den eigenen Zweck genutzt werden, insbesondere für Marketingzwecke, ist da mehr als naheliegend.

Über den Autor

Jörg Schieb, WDR-Digitalexperte.

Jörg Schieb, Jahrgang 1964, ist WDR-Digitalexperte und Autor von 130 Fachbüchern und Ratgebern. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Digitalisierung und deren Auswirkungen auf unseren Alltag.

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