23. Mai 1863 - Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins

  SPD-Altkanzler Willy Brandt schaut auf Bronzebüste von Ferdinand Lassalle

Stichtag

23. Mai 1863 - Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins

Mit dem Godesberger Programm hat sich die SPD 1959 von der Arbeiter- zur Volkspartei gewandelt. Im Wahljahr 2013 aber blickt die Sozialdemokratie wieder mit Stolz auf ihre proletarischen Wurzeln im 19. Jahrhundert, kann sie sich so doch als älteste aller deutschen Parteien profilieren. Denn vor 150 Jahren entsteht in Leipzig ihr Vorläufer, die erste politische Vereinigung von Arbeitern in Deutschland.

Seit der Revolution von 1848/49 organisieren sich deutsche Arbeiter in so genannten Bildungsvereinen. Agitiert durch die Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels üben sie dort, auf parlamentarischer Ebene Forderungen nach Machtteilhabe und gegen kapitalistische Ausbeutung durchzusetzen. Angeleitet werden sie von liberalen Bildungsbürgern, die die ungebildeten Arbeiter noch nicht für reif halten, in der Politik zu bestehen.

Lassalle begründet erste Arbeiterpartei

Der Leipziger Verein "Vorwärts" um den Schuhmacher Julius Vahlteich sucht 1862 nach einem wortmächtigen Anführer, um die Arbeitervereine in einer Partei zusammenzuführen. Nach einer Absage von Marx schreibt Vahlteich einem anderen Vorkämpfer des Sozialismus, dem Juristen und Publizisten Ferdinand Lassalle: "Wir finden nur einen Mann, dem wir so vollkommen Vertrauen schenken…, und dieser Eine Mann sind Sie." Von Bildungsvereinen unter bürgerlicher Kuratel will auch Lassalle nichts mehr wissen.

Seit 1848 macht der glänzende Redner mit radikalen Thesen über die historische Mission des Arbeiterstandes Furore. So reagiert Lassalle enthusiastisch auf die Anfrage aus Leipzig und entwirft bereits in seiner Antwort die Grundzüge einer Arbeiterpartei. Hunderttausende, so glaubt er, könne er binnen Jahresfrist mobilisieren. Unter seiner Führung gründen am 23. Mai 1863 zwölf Delegierte aus elf Städten im Leipziger „Pantheon“ den "Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein" (ADAV). Ferdinand Lassalle, der bedingungslose Gefolgschaft für sein Parteikonzept einfordert, wird mit nahezu diktatorischer Vollmacht auf fünf Jahre zum Präsidenten gewählt.

Vereint gegen Bismarcks Sozialistengesetze

Lassalles Hauptforderung eröffnet das ADAV-Statut: "…auf friedlichem und legalem Wege, insbesondere durch das Gewinnen der öffentlichen Überzeugung, für die Herstellung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts zu wirken." Auf Agitationsreisen in proletarische Hochburgen wirbt Lassalle um Mitglieder. Doch nach einem Jahr sind erst 4.600 Arbeiter der Partei beigetreten. Wohl auch aus Enttäuschung stürzt sich Lassalle in der Schweiz in eine heikle Liebesaffäre. Am 28. August 1864 kommt es zum Pistolenduell mit dem Verlobten seiner Angebeteten. Ferdinand Lassalle wird tödlich verletzt und stirbt drei Tage später mit nur 39 Jahren.

Ohne seinen charismatischen Kopf gerät der ADAV an den Rand des Zerfalls. Dagegen gewinnt die 1869 von Wilhelm Liebknecht und August Bebel gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) immer mehr Zulauf. 1871 ziehen ADAV und SDAP als Rivalen erstmals in die Reichstagswahlen – und kassieren ein Fiasko: Die SDAP gewinnt nur zwei Wahlkreise, der ADAV gar keinen. Nach dem Debakel vereinen sich die Parteien 1875 zur Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP). Von der Verfolgung durch die von Otto von Bismarck erlassenen Sozialistengesetze zusammengeschweißt, wird die SAP bei den Wahlen 1890 mit 20 Prozent zur stärksten Partei. Kurz darauf gibt sie sich einen neuen Namen: Sozialdemokratische Partei Deutschlands – SPD.

Stand: 23.05.2013

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