23. April 1998 - Bundestag stimmt der Euro-Einführung zu

Euro-Münze in Pfandfach eines Einkaufswagens

Stichtag

23. April 1998 - Bundestag stimmt der Euro-Einführung zu

Die Deutschen in den West-Besatzungszonen können kaum glauben, was sie am 21. Juni 1948 erleben. Wo gestern in Schaufenstern noch gähnende Leere herrschte, stapelt sich plötzlich alles, was das Herz begehrt. Es ist der Geburtstag der D-Mark und jeder Bürger bekommt ein "Kopfgeld" von 40 D-Mark ausgezahlt. Das heiß ersehnte, neue Geld legt die Basis zum Wiederaufbau, zum Wirtschaftswunder und wird zu einer der stabilsten Währungen der Welt. 50 Jahre lang sind die Deutschen stolz auf ihre Mark.

Umso größer ist das Misstrauen, als die harte D-Mark im Dienste der Einheit Europas geopfert werden soll. Nach dem Willen von Kanzler Helmut Kohl soll sie Platz machen für einen großen Unbekannten: den Euro. Am 23. April 1998 debattiert der Bundestag leidenschaftlich in einer Marathon-Sitzung über das endgültige Ja zur Einführung der europäischen Gemeinschaftswährung.

Streit über Königsweg zum vereinten Europa

Seit den 70er Jahren unternimmt Europa Anläufe zu einer Währungsunion. Sie scheitern aber an nationalen Krisen und ungleichen Voraussetzungen. Während Franc, Lira und englisches Pfund von einer Abwertung zur nächsten taumeln, behauptet sich die Mark als starke Währung. "Das große Problem war, die deutschen Arbeitgeber, die deutschen Banken und die Bundesbank davon zu überzeugen, dass die D-Mark abgeschafft werden soll, dass sie sich von ihr trennen müssen", so Frankreichs damaliger Präsident Valéry Giscard d’Estaing.

Als Vorstufe initiiert Bundeskanzler Helmut Schmidt 1979 mit Giscard das Europäische Währungssystem EWS mit festen Wechselkursen. Strittig unter Europas Politikern bleibt aber, ob zur Verwirklichung der EU-Vision zunächst eine gemeinsame Währung geschaffen oder erst die politische Union vorangetrieben werden soll. Durch die deutsche Einheit entscheidet sich die Frage zugunsten der Währungsunion. 1992 werden im Vertrag von Maastricht die Rahmenbedingungen sowie der Zeitplan der Euro-Einführung festgeschrieben und 1997 durch den Stabilitätspakt ergänzt.

Kohl verhindert Volksabstimmung

Eine Gemeinschaftswährung für ganz unterschiedliche Volkswirtschaften halten nicht nur deutsche Otto-Normalverbraucher für ein gefährliches Abenteuer. "In der ganzen Politikgeschichte hat es noch nie den Fall gegeben, dass sich die Währung vom Staatsraum trennt. Die einzelnen Staaten müssen sich an monetäre Vorgaben halten und das fällt ihnen verdammt schwer", sagt Prof. Wilhelm Hankel voraus. Noch im Januar 1998 versucht er mit drei weiteren Ökonomen, den Euro vor dem Verfassungsgericht zu stoppen. Doch Karlsruhe nimmt die Klage nicht an und Kanzler Kohl verhöhnt die Kritiker als "Lehrstuhlinhaber, die Unsinn verzapfen".

Eine Volksabstimmung hatte Kohl kategorisch abgelehnt. "Das ist ganz klar. Ich hätte sie verloren,…und zwar im Verhältnis 7 zu 3", gesteht der Altkanzler 2002 dem Journalisten Jens Peter Paul. So kommt es am 23. April 1998 im Bundestag zum Showdown für die D-Mark. SPD-Chef Gerhard Schröder mahnt zwar mehr Rücksicht auf die sozialen Folgen der Währungsreform und die Ängste der Bürger an. Doch nach sieben Stunden Debatte votieren 575 von 615 Abgeordneten für die Einführung des Euro. Geschlossen dagegen stimmt nur die PDS. Finanzminister Theo Waigel (CSU) siegsfroh: "Der Euro hat schon heute das wichtigste Plus der D-Mark – nämlich das Vertrauen der Märkte." Die Bürger bekommen das Plus bald im Portemonnaie zu spüren: "Teuro" wird das Wort des Jahres 2002.

Stand: 23.04.2013

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