27. Juli 2009 - Vor 45 Jahren: Bundesbank gibt Tausend-Mark-Schein aus

Stichtag

27. Juli 2009 - Vor 45 Jahren: Bundesbank gibt Tausend-Mark-Schein aus

90 – 180 – 1,3: Diese Traummaße lassen die Herzen der Deutschen 1964 höher schlagen. Neunzig Millimeter breit, 180 Millimeter lang und 1,3 Millimeter dick ist der Tausend-Mark-Schein, den die Bundesbank 1964 erstmals in Umlauf bringt. Der große Schein passt kaum in die Brieftasche. Zum Vergleich: Der Fünfer misst nur sechs mal zwölf Zentimeter. Die deutsche Bevölkerung nennt den großen Schein das "Kleingeld der Millionäre". Knapp 20 Jahre nach dem Krieg symbolisiert der in warmen Braun- und Olivtönen gehaltene Tausender den neuen Wohlstand der Bundesrepublik.

Je höher der Nennwert, desto grimmiger schauen die Köpfe von den Scheinen. Doch der Gesichtsausdruck ist nicht das entscheidende Kriterium. Als die Bundesbank 1958 eine neue Banknotenserie konzipiert, überlegen die Mitarbeiter lange, wen sie auf den Geldscheinen abbilden. Sie verzichten bewusst auf Persönlichkeiten wie Johann Wolfgang von Goethe oder Friedrich Schiller – man wollte die großen Deutschen nicht mit schnödem Mammon in Verbindung bringen. Für den Tausender fiel die Wahl auf ein Werk von Lucas Cranach dem Älteren aus dem Jahr 1529. Es zeigt den Theologen Johann Scheyring, Domherr und Prediger in Magdeburg und Halberstadt zu Martin Luthers Zeiten. Für die Bundesbank ist der eher unbekannte Scheyring das perfekte Konterfei: Wuschelbart, strähnige Haare und feiner Nerzkragen sind nur schwer zu fälschen. Zusätzlich sind metallähnliche Sicherheitsfäden und ein mehrstufiges Wasserzeichen eingearbeitet. Der Tausender wird selten kopiert. Nur ein Fälscher schafft es Mitte der 70er Jahre, Tausend-Mark-Scheine so perfekt nachzuahmen, dass sie kaum als Imitat zu erkennen sind. Günter Hopfinger geht unter dem ehrenvollen Titel "Blüten-Rembrandt von München" in die Geschichte ein.  

Vor allem Geschäftsleute freuen sich, als die Banken am 27. Juli 1964 die ersten 20.000 Scheine mit Scheyrings Wuschelbart ausgeben: Im Viehhandel, auf Großmärkten, Kunstauktionen und im Baugeschäft werden auch große Summen grundsätzlich in bar bezahlt. Geschäftsleute können ihre mit sperrigen Päckchen von Zwanzig-, Fünfzig-, und Hundert-Mark-Scheinen gefüllten Geldbeutel entrümpeln. Das Wirtschaftswunder ist auch bei den normalen Lohnempfängern angekommen. In den 60er Jahren sind Gehälter von 1.000, 1.500 oder 2.000 Mark nicht mehr ungewöhnlich. Vorher wurden die Löhne meist in Scheinen zu Hundert ausgezahlt, 1962 sind 44 Prozent der sich im Geldumlauf befindenden Scheine Hunderter, 34 Prozent Fünfziger.

Der Tausend-Mark-Schein steht wie kein anderer für den wirtschaftlichen Aufschwung und Wohlstand der Bundesrepublik. Scheyrings Konterfei ziert bald Badetücher, Kaffeetassen und T-Shirts – obwohl kaum jemand seinen Namen kennt. Anfang der 90er Jahre gibt die Bundesbank neue Geldscheine aus, sein Gesicht gerät in Vergessenheit. Etwa eine halbe Million alte Tausender gelten heute als verschollen. Viele Menschen horten die Scheine aus Sammelwut oder aus Nostalgie. Immerhin gibt es einen Ort, an dem das Original-Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren hängt: in der königlichen Akademie der schönen Künste in Brüssel.

Stand: 27.07.09