29. März 2009 - Vor 100 Jahren: Bülow prägt den Begriff Nibelungentreue

Stichtag

29. März 2009 - Vor 100 Jahren: Bülow prägt den Begriff Nibelungentreue

Ab und zu taucht er noch in den Medien auf: der Begriff Nibelungentreue. Damit wird zum Beispiel das enge Verhältnis der USA  zu Israel beschrieben oder die Standhaftigkeit, mit der ein Fußballtrainer an einem Spieler festhält. Geprägt hat den Begriff Reichskanzler Bernhard von Bülow. Er sagt am 29. März 1909 vor dem Deutschen Reichstag: "Meine Herren, ich habe irgendwo ein höhnisches Wort gelesen über eine Vasallenschaft gegenüber Österreich-Ungarn. Das Wort ist einfältig. [...] aber die Nibelungentreue wollen wir aus unserem Verhältnis zu Österreich-Ungarn nicht ausschalten. Die wollen wir vor aller Öffentlichkeit Österreich-Ungarn gegenüber wahren."

Die Nibelungentreue wird zum geflügelten Wort. Kaiser Wilhelm II. benutzt den Begriff, als Deutschland 1914 an der Seite Österreichs in den Ersten Weltkrieg zieht. Nach der deutschen Niederlage taucht ein weiteres Sprachbild auf, das ebenfalls auf dem Nibelungenlied basiert: die von Paul von Hindenburg propagierte Dolchstoßlegende. Demnach habe die deutsche Heimatfront versagt und sei der kämpfenden Truppe in den Rücken gefallen. Damit nimmt Hindenburg Bezug auf die Ermordung Siegfrieds, dem ein Speer in den Rücken gestoßen wird. Der Begriff Nibelungentreue bezieht sich auf die Reaktion, die Siegfrieds Tod auslöst. Germanistikprofessor Otfried Ehrismann erklärt: "Wir sind in der großen Schlacht am Hunnenhof. Kriemhild will den Mörder Siegfrieds, nämlich Hagen, gefangen nehmen lassen und töten. Aber dessen Herren, die Burgunderkönige, geben ihn nicht frei." An dieser Stelle des Epos' gibt es zwei Verse, aus denen der Begriff Nibelungentreue abgeleitet wird: "Wir wollten lieber sterben, als dass wir einen Mann // Hier als Geisel gäben: das stünde uns wohl übel an. // [...] Man findet an mir keinen, der einem Freund die Treue bricht."

Der Begriff Treue ist im Mittelalter ein juristischer Begriff des damaligen Lehenswesens. Er bezieht sich auf den unbedingten gegenseitigen Schutz, den sich Lehensmann und Lehensherr zu gewähren haben. "Wer diese Bindung eingegangen ist, der kann gar nicht anders handeln", so Ehrismann. Im 18. Jahrhundert wird die mittelalterliche Treue dann umgedeutet: Aus dem Rechtsbegriff wird ein moralischer Begriff - und das Nibelungenlied zum Urmythos der deutschen Nation verklärt. So wird sie im jungen Kaiserreich Teil der Lehrpläne von Volksschulen und Gymnasien. Richard Wagner komponiert den Opernzyklus "Der Ring des Nibelungen". Als Reichskanzler von Bülow dann von der Nibelungentreue spricht, ist der Boden bestens bereitet. Der Begriff wird schnell zum nationalistischen Schlagwort und die germanische Heldensage später von den Nazis aufgegriffen. So beschwört Hermann Göring 1943 angesichts der aussichtslosen Lage in Stalingrad den "Kampf der Nibelungen": "Auch sie standen in einer Halle von Feuer und Brand und löschten den Durst mit dem eigenen Blut - aber kämpften und kämpften bis zum Letzten." Das sei eine uralte Taktik, sagt Ehrismann: in einer schlechten, unüberschaubaren Gegenwart Mythen zitieren und dadurch diese Gegenwart verklären und überhöhen.

Stand: 29.03.09