28. Januar 2010 - Sexueller Missbrauch am Canisius-Kolleg in Berlin wird bekannt

Das Canisius-Kolleg in Berlin

28. Januar 2010 - Sexueller Missbrauch am Canisius-Kolleg in Berlin wird bekannt

Pater Klaus Mertes, Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, will aufklären. Am 28. Januar 2010 wird bekannt, dass Lehrer an seinem Elite-Gymnasium Kinder sexuell missbraucht haben. "Mit tiefer Erschütterung und Scham habe ich diese entsetzlichen, nicht nur vereinzelten, sondern systematischen und jahrelangen Übergriffe zur Kenntnis genommen", schreibt Klaus Mertes damals in einem Brief an über 600 ehemalige Schüler.

Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg (am 28.01.2010)

WDR 2 Stichtag 28.01.2020 04:16 Min. Verfügbar bis 25.01.2030 WDR 2

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Haupttäter in den 1970er- und 1980er-Jahren waren zwei Jesuitenpater und Lehrer: Peter R. hat wohl Hunderte Schüler sexuell missbraucht. Und Wolfgang S. hat Kinder teilweise über Stunden auf das nackte Hinterteil geschlagen.

"Wie kann es sein, dass ein Lehrer schwere sexualisierte Gewalt zufügt – und niemand merkt das? Beziehungsweise, nachdem es gemerkt wird, wird die Sache heimlich behandelt?", fragt Klaus Mertes 2010 verzweifelt und voller Scham. "Die Institution hat versagt."

Sexueller Missbrauch überall im Land

Ulli Freund unterstützt als Präventionsberaterin Schulen dabei, sexuellen Missbrauch zu erkennen. Sie erklärt: "Bei der katholischen Kirche ging es vor allem darum, die eigene Organisation zu schützen, den Ruf der Einrichtung."

Bislang waren öffentliche Diskussionen um systematischen sexuellen Missbrauch in Kinder- und Jugendeinrichtungen schnell abgeebbt. Dieses Mal nicht. "2010 wird als Zeitenwende beschrieben, als Tsunami des Missbrauchs", sagt Ulli Freund. Viele Betroffene melden sich aus dem ganze Land zu Wort – aus der evangelischen und katholischen Kirche, aus Schulen wie der Odenwaldschule, aus Vereinen, Jugendgruppen und DDR-Kinderheimen.

Kampf der Opfer sexueller Gewalt in der Kirche

WDR 5 Diesseits von Eden 19.01.2020 09:59 Min. Verfügbar bis 16.01.2021 WDR 5 Von WDR 5

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Öfter Opfer sexueller Gewalt, als bei Verkehrsunfällen

"Ich habe mich viele Jahre für alles mögliche geschämt", sagt Matthias Katsch, einer der Betroffenen vom Canisius-Kolleg. "Ein ganz allgemeines Gefühl: Mein Leben ist eine Anstrengung. Ich muss mich zwingen, mein Leben zu leben."

Das Ausmaß ist erschreckend. Nimmt man alle Fälle zusammen, so schätzen Experten: In jeder Schulklasse sitzt mindestens ein Kind, das sexuelle Gewalt erlitten hat oder ihr akut ausgeliefert ist. Mehr Kinder sind Opfer sexueller Gewalt, als Opfer bei Verkehrsunfällen. "Es ist eine Epidemie", sagt Ulli Freund.

Peter R., einer der Haupttäter am Canisius-Kolleg, wird immerhin 2019 vom Berliner Kirchengericht wegen Missbrauchs an Minderjährigen in acht Fällen schuldig gesprochen – und aus dem Priesterstand entlassen. Wolfgang S. hat seine Taten gestanden und sich als psychisch krank bezeichnet.

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Stand: 28.01.2020, 23:59