8. Februar 1991 - Offizieller Kölner Rosenmontagszug fällt aus

Kölner Rosenmontagszug fällt wegen Golfkrieg aus

Stichtag

8. Februar 1991 - Offizieller Kölner Rosenmontagszug fällt aus

Krieg am Golf: Die Truppen des irakischen Diktators Saddam Hussein besetzen im August 1990 das ölreiche Nachbarland Kuwait. US-Präsident George Bush setzt Hussein ein Ultimatum für einen Rückzug bis zum 15. Januar 1991. Als dieser Termin verstreicht, beginnt zwei Tage später die Operation "Desert Storm": Die USA und ihre Verbündeten bombardieren Iraks Hauptstadt Bagdad. Der US-Nachrichtensender CNN überträgt live. Täglich werden hunderte schwerer Bombenangriffe geflogen.

In Deutschland ist Karnevalszeit. Darf man in einer solchen Situation feiern wie immer? Vor allem in den rheinischen Karnevalshochburgen fragen sich das viele. Bereits drei Tage vor Ablauf des Ultimatums, am 12. Januar 1991, hat die "Kölner Initiative gegen den Golfkrieg" zu einer Demonstration aufgerufen - unter dem Motto "Kein Blut für Öl". 20.000 Menschen versammeln sich. Nachdem alle anderen Städte bereits ihre Entscheidung getroffen haben, ringt sich auch das Festkomitee des Kölner Karnevals durch: Am 21. Januar 1991 sagt Festkomitee-Präsident Gisbert Brovot den Kölner Rosenmontagszug ab. Auch die offizielle Eröffnung des Straßenkarnevals an Weiberfastnacht auf dem Kölner Altermarkt fällt aus. Die Saalveranstaltungen der Karnevalsvereine hingegen werden vom Festkomitee "unterstützt und empfohlen".

Aufruf zu "jecker Demonstration"

"Da entstand ein Vakuum", erinnert sich Jürgen Becker, Kabarettist und damals Präsident der alternativen Stunksitzung. "Da hieß es sofort in der Stunksitzung: 'In dieses Vakuum gehen wir rein, wir machen einen Wagen, wir machen einen Zug." Werbung dafür macht der Kölner Karnevalsaktivist und Psychologe Günter Mahlke. Mit seiner Frau verteilt er an Weiberfastnacht am 7. Februar 1991 auf dem Altermarkt Flugblätter unter den mehr als 4.000 Menschen, die sich trotz Absage unter dem Motto "Es ist 11 vor 12" versammelt haben. Auf den Zetteln steht: "Jeck op et Lääve - uns kritt keiner klein! Aufruf zu einer jecken Demonstration für das Leben am Rosenmontag in Köln! Verlauf: Wie der geplante Zoch! Tragt mit Eurem Mut bei zu einer intelligenten, farbenprächtigen und escht kölschen Demonstration!"

Am Rosenmontag am 11. Februar 1991 versammeln sich zunächst etwa 3.000 alternative Friedensjecken am traditionellen Zugstartpunkt an Sankt Gereon. Dabei sind ungewohnte Kostüme: Totenköpfe, Sensen, Skelette. Es wird ein Autowrack durch die Straßen gezogen und gegen einen Krieg um Öl demonstriert. Die Parolen reichen von "Vögeln statt Schießen" bis "Lieber Rheinischer Frohsinn als politischer Starrsinn". Unterwegs sammelt dieser Alternativzug auch immer mehr Mitglieder organisierter Karnevalsvereine ein, die ebenfalls feiern wollen. "Eine obskure Mischung", erinnert sich Günter Mahlke. "Die linke Szene war vorhanden und gleichzeitig ganz traditionelle Gruppen."

Rund 100.000 Menschen unterwegs

Es kommt zu einer Mischung aus Friedensdemonstration und Rosenmontagszug. Auf einem Transparent steht der Spruch, den die Kölner Stadtsoldaten einst empört den angreifenden Franzosen zugerufen haben sollen: "Nit scheeße - sidder nit, dat do Minsche stonn?" Rund 100.000 Menschen sind nach Schätzung der Polizei schließlich trotz offizieller Zugabsage bei dichtem Schneefall unterwegs. Allerdings gibt es nur einen Wagen: den der Stunksitzung. Kabarettist Jürgen Becker hat dabei als Treckerfahrer eine denkwürdige Begegnung: "Dann traf ich da Gisbert Brovot, der Festkomitee-Präsident, und ich sage nur: 'Gisbert, wo ist denn jetzt der Zugweg?' Und er hat mir gesagt: 'Jung, jetzt fährste da lang!'"

Beim Abschluss des Zuges in der Kölner Südstadt stimmt Tommy Engel von den "Bläck Fööss" mit dem Lied "M'r klääve am Lääve" die inoffizielle Hymne des Tages an: "Uns Kölsche nimmp keiner - ejal wat och weed - dä Spaß für ze laache, dä Bock jet ze maache." Eine Lokalzeit nennt das Ereignis später das "Woodstock der Pappnasen". Dieser Tag habe den Kölner Karneval verändert, sagt der Kölner Karnevalsaktivist und Psychologe Günter Mahlke: "Das hat durchaus zu einer Annäherung zwischen dem alternativen Karneval und dem offiziellen Vereinskarneval geführt."

Stand: 08.02.2016

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Stand: 08.02.2016, 00:00