23. Februar 2009 - Vor 25 Jahren: Erste Stunksitzung in Köln

Stichtag

23. Februar 2009 - Vor 25 Jahren: Erste Stunksitzung in Köln

Sie haben es nicht immer leicht im Umgang mit der Stunksitzung, die Funktionäre des Festkomitees Kölner Karneval. Schließlich zählen die Lordsiegelbewahrer des rheinischen Frohsinns zu den bevorzugten Gaglieferanten jener Truppe, die seit nunmehr 25 Jahren den Sitzungskarneval bereichert. "Die lieferten das Material, das man immer verarschen konnte. Nie verhält sich ein zivilisierter Mensch so blöd wie im organisierten Karneval", lästert Kabarettist und Ur-Stunker Jürgen Becker. Kein Wunder also, dass in der Vor-Stunksitzungsära alle, die sich für jung, modern, alternativ und links halten, über die tollen Tage aus Köln flüchten oder die Alaaf-Metropole weiträumig umfahren. Bis zu jenem denkwürdigen Februar-Abend in der Alten Mensa der Kölner Uni, als Sitzungspräsident Becker mit Irokesenperücke und schwarzem Anarchostern erstmals verkündet: "Karneval instandbesetzt!".

Verantwortlich für die alternative Unterwanderung des Karnevals sind 25 Sozialpädagogik-Studenten der Fachhochschule Köln. Denen kann Kommilitone Jürgen Becker als einziger eingeborene Kölner verklickern, dass der in Prunk und Stumpfsinn erstarrte Karneval dereinst mal von unten kam und sich gegen die Obrigkeit richtete. "Und so funktionierte das dann auch bei den politisch - äh - Korrekten in der Gruppe", erzählt Becker: "Ach ja, wenn das so is, dann können wir das ja auch machen." Und siehe da: das Wunder geschieht. Die erste Stunksitzung vor einigen hundert potenziellen Karnevals-Hassern geht ab wie eine Rakete. Latzhosenträger und Feministinnen, Alternative und Autonome bekennen öffentlich: "Ich kann wieder schunkeln!"

Von Beginn an etabliert sich die politisch unkorrekte Stunksitzung, die seit 1991 im Mülheimer E-Werk beheimatet ist, als feste Größe im Kölner Karneval. Mehr als 40 Sitzungen sind seither in jeder Session über die Bühne gegangen - alle mit rund 1.000 Zuschauern bis auf den letzten Platz ausverkauft. Hat die Gründungstruppe in den Pionierjahren noch alles selbst gebaut und geschrieben, arbeiten heute hinter den Kulissen professionelle Autoren, Ausstatter und Regisseure. Sie machen aus der einstigen Sponti-Veranstaltung mit dem besonderen Charme des Dilettantischen eine perfekte Kabarett- und Rock-Show. Und längst hat die Stunksitzung überall in NRW, im Rheinland ebenso wie in der Karnevals-Diaspora Dortmund, Nachahmer gefunden. Alternativer Karneval ist aus der fünften Jahreszeit nicht mehr wegzudenken.

Stand: 23.02.09