22. August 1913 – Veranstaltung zur Gebärstreikdebatte in Berlin

Durchgestrichene Schwangere (Symboldbild)

22. August 1913 – Veranstaltung zur Gebärstreikdebatte in Berlin

Hauptzweck der verheirateten Frau ist es, ihren ehelichen Pflichten nachzukommen, sprich: fruchtbar zu sein, sich zu mehren, also Kinder zu gebären. So will es die Bibel, und so will es auch der gottgefällige Staat. Davon jedenfalls ist die Obrigkeit im deutschen Kaiserreich überzeugt.

Immerhin hat der Gebärzwang im Idealfall einen schönen Nebeneffekt: Bei männlichem Nachwuchs schenkt die Frau dem Monarchen nicht nur Untertanen, sondern sogar Soldaten.

Gebärstreik-Debatte in Berlin (am 22.08.1913)

WDR 2 Stichtag 22.08.2018 04:16 Min. Verfügbar bis 19.08.2028 WDR 2


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Kapitalistisches Kanonenfutter

Innerhalb der Arbeiterbewegung regt sich gegen diesen Grundsatz Widerstand. Vor allem sozialdemokratisch gesinnte Frauen wollen ihren Körper nicht länger als Produktionsstätte für Kanonenfutter missbrauchen lassen.

Die Idee des so genannten Gebärstreiks – also die Weigerung, Kinder zu kriegen – macht als politische Aktion die Runde. "Gerade unter den Genossinnen findet man Verteidiger für die Notwendigkeit des Gebärstreiks. Sie schildern lebhaft die Nöte einer Mutter mit acht Kindern", schreibt etwa die SPD-Parteizeitschrift "Vorwärts".

Geburtenzahlen gehen zurück

Tatsächlich gehen die Geburtenzahlen zur Jahrhundertwende in Arbeiterinnenkreisen merklich zurück. Der Staat ist alarmíert: Von einem "Volkstod" ist die Rede.

Für den sozialdemokratischen Arzt Alfred Bernstein ist das allerdings ein ideologischer Sieg. "Der Geburtenrückgang trifft den Kapitalismus an seinem Lebensmark", schreibt er. "Wenn wir Ausbeutungsobjekte nicht rekrutieren, wenn wir das Heer nicht vermehren, dann ist der Kapitalismus am Ende."

SPD-Parteiführung lädt zu Treffen ein

Für Bernstein muss die Frau "Herrin über ihren eigenen Körper bleiben" – selbst gegen den erklärten Willen des Ehemanns. Aber es gibt unter Genossen und Genossinnen auch andere Stimmen.

Clara Zetkin zum Beispiel, die ihr Geschlecht vom Gebärstreik abbringen will. "Die Arbeiterklasse darf nicht vergessen, dass für ihren Befreiungskampf die große Masse von ausschlaggebender Bedeutung ist", lautet ihr Argument. "Der Gebärstreik verringert die Zahl der Soldaten für die Revolution!"

Am 22. August 1913 lädt die SPD-Parteiführung mit Zetkin und Rosa Luxemburg an der Spitze in Berlin zu einer Veranstaltung ein, die die Frauen von ihrem Gebaren gegen das Gebären abbringen soll. Mit 4.000 Menschen ist der Saal heillos überfüllt. Die turbulente Diskussion vor Ort und im Umfeld geht als "Berliner Gebärstreikdebatte" in die Geschichte ein.

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Stand: 22.08.2018, 00:00