29. Oktober 1951 - Der Vatikan toleriert die Knaus-Ogino-Methode

Papst Pius XII. schreibt auf Schreibmaschine

Stichtag

29. Oktober 1951 - Der Vatikan toleriert die Knaus-Ogino-Methode

Empfängnisverhütung gehört für die katholische Kirche zu den ewigen Unwörtern. Der Geschlechtssakt hat nach vatikanischem Dogma allein der Fortpflanzung zu dienen. Hilfsmittel zur Vermeidung ungewollter Schwangerschaften gelten dem Vatikan bis heute als widernatürlich und verwerflich.

Nur einer einzigen Methode zur Empfängnis-"Regelung" hat je ein Papst seinen Segen erteilt. Am 29. Oktober 1951 spricht  Pius XII. vor einer Versammlung katholischer Hebammen. Dabei erklärt er die gezielte Feststellung der unfruchtbaren Tage der Frau zum Zwecke folgenlosen ehelichen Verkehrs für tolerierbar. Bekannt geworden ist die päpstlich genehmigte Verhütung als Knaus-Ogino-Methode oder, in Folge ihrer Unzuverlässigkeit, als "Römisches Roulette".

Sensation für die Fachwelt

Benannt ist die Verhütungsmethode nach zwei Gynäkologen, dem Grazer Hermann Knaus und seinem japanischen Kollegen Kiusako Ogino. Unabhängig voneinander erforschen beide Mitte der 1920er-Jahre die Fruchtbarkeit von Frauen. Knaus stellt bei Kaninchen fest, dass die gebärfreudigen Nager auch unfruchtbare Tage haben. Diese Beobachtung überprüft er am Menschen – mit demselben Ergebnis. Für die Fachwelt eine Sensation, denn bislang galten Frauen als jederzeit empfängnisfähig.

Im fernen Nippon studiert Ogino den Menstruationszyklus, um die fruchtbarsten Tage herauszufinden und damit die Wahrscheinlichkeit einer Zeugung zu erhöhen. Wie Knaus entdeckt er, dass meist 12 bis 16 Tage vor der Monatsblutung der Eisprung stattfindet und die Frau nur kurze Zeit empfängnisbereit ist. Während Ogino seine Forschungen darauf konzentriert, Paaren mit Kinderwunsch zu helfen, entwickelt Knaus unter Verwendung der Erkenntnisse des Japaners eine Methode zur Empfängnisverhütung.

Liebesspiel wird zum Glücksspiel

1929 präsentieren die Wissenschaftler auf einem Gynäkologenkongress in Leipzig ihre Ergebnisse. Knaus, dessen Verfahren eine mindestens einjährige, penible Erfassung des Menstruationszyklus voraussetzt, macht folgende Rechnung auf: Tag eins des kürzesten Zyklus minus 18 ergibt den ersten fruchtbaren Tag. Tag eins des längsten Zyklus minus 11 ergibt den letzten fruchtbaren Tag. Kiusako Ogino lehnt diese Berechnungsmethode zur Schwangerschaftsverhütung allerdings als zu unsicher ab, da ein Menstruationszyklus immer natürlichen Schwankungen unterliegen kann.

Trotzdem findet die Knaus-Ogino-Methode als Mittel der Familienplanung eine weite Verbreitung. Mit ihr wird das Liebesspiel zum Glücksspiel; unzählige ungewollte Schwangerschaften – und Abtreibungen - sind die Folge. 17 Jahre nach dem Plazet von Pius XII. zu diesem Verfahren beschäftigt sich erneut ein Papst mit dem Sexualleben seiner Schäfchen. 1968 verdammt Paul VI. in seiner Enzyklika "Humanae Vitae" den Gebrauch der Anti-Baby-Pille und macht sich damit als "Pillen-Paul" unvergesslich.

Stand: 29.10.2011

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