3. April 1946 - Konferenz zur Ernährungslage in Europa

3. April 1946 - Konferenz zur Ernährungslage in Europa

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im April 1945 droht den Überlebenden eine neue Katastrophe: der Hungertod. "Es gab wirklich nichts und wir lebten unter schrecklichsten Bedingungen", erinnert sich Winfried Diemer an seine Kindheit. Als Neunjähriger kehrt Diemer damals heim in das ausgebombte Ruhrgebiet. "Da haben wir um eine Scheibe Steckrüben betteln müssen."

Durch die hohe Zahl an Kriegsopfern fehlen der Landwirtschaft die Arbeitskräfte. Gleichzeitig suchen rund zehn Millionen Flüchtlinge und Vertriebene in den Städten der Westzonen Zuflucht. Industrieanlagen wurden ausgebombt oder werden von den Siegermächten demontiert; das Verkehrsnetz ist weitgehend zerstört, so dass die wenigen vorhandenen Lebensmittel kaum verteilt werden können. Nicht nur in Deutschland, vor allem auch in Polen, Ungarn und weiten Teilen der UdSSR verschärft sich die Nahrungsknappheit von Tag zu Tag. Europa droht ein Massensterben mit fürchterlichen Ausmaßen.

500 Millionen Menschen am Rande des Abgrunds

Die Vereinigten Staaten könnten mit Getreidelieferungen die schlimmste Not lindern. Für ein umfassendes Hilfsprogramm aber fehlt der politische Konsens, obwohl Präsident Harry S. Truman warnt: "Hungrige Völker werden schlechte Demokraten." Truman schickt deshalb den früheren Präsidenten Herbert Hoover auf eine Inspektionsreise nach Übersee. Bei der Eröffnung einer Konferenz zur Ernährungslage am 3. April 1946 in London teilt Hoover den Vertretern aus 18 Ländern sein erschreckendes Fazit mit: 500 Millionen Menschen seien in den nächsten vier Monaten akut vom Hungertod bedroht.

Die Konferenz müsse umgehend Ergebnisse liefern, fordert der Brite Sir Jack Drummond. Denn Hunger kehre die schlechtesten Eigenschaften des Menschen hervor und schaffe den Nährboden für ein Wiedererstarken des Nazismus. Ärzte halten 2.300 Kalorien pro Tag für überlebensnotwendig, vor allem für die rund 20 Millionen Kinder in den ehemaligen Kriegsgebieten. Doch wie die Alliierten in Deutschland können fast alle Regierungen ihre Bevölkerung gerade einmal mit der Hälfte ernähren. In Ungarns Hauptstadt Budapest erhalten die Menschen bereits seit Dezember 1945 nur noch 556 Kalorien täglich. Der polnische Ernährungsminister erklärt: "In einem Monat wird in unserem Land jeglicher Vorrat an Brotgetreide ausgegangen sein."

US-Militärgouverneur Clay schlägt Alarm

Wie die Deutschen hoffen auch die Osteuropäer auf West-Hilfe, denn die Sowjetunion ist der Konferenz ohne Angabe von Gründen ferngeblieben; der Kalte Krieg hat begonnen. Trotz der Hungersnöte können sich die Delegierten nicht auf konkrete Maßnahmen, sondern nur auf Absichtserklärungen und Empfehlungen einigen. Im Abschlussdokument heißt es lapidar: "Die Ernährungslage wird aller Voraussicht nach während der Jahre 1946/47 kritisch bleiben." Nach Schätzungen von Historikern verhungern bis 1948 allein in den Ländern des Ostblocks etwa drei Millionen Menschen. In Deutschland werden die Rationen nach der Konferenz auf unter 1.300 Kalorien gesenkt.

Die Situation verschärft sich noch, als die Ernte in einem extrem heißen Sommer auf den Feldern verdorrt. In den USA liegen zwar erste Getreidelieferungen bereit, werden aber wegen eines Streiks der Seeleute nicht verschifft. Dann bricht auch noch ein Jahrhundertwinter über große Teile Europas herein. Als zehntausende Westdeutsche gegen die Hungerrationen demonstrieren, schlägt der amerikanische Militärgouverneur Lucius D. Clay in Washington Alarm: "Da die Russen gleich nebenan 1.500 Kalorien als Tagesration bereitstellen, sage ich ohne Vorbehalt: Ich kann nicht helfen, den Glauben an die Demokratie gegenüber dem Kommunismus aufrecht zu erhalten." Clays Warnung wirkt. Im beginnenden Kalten Krieg muss Deutschland als Verbündeter gegen den Kommunismus gehalten werden. Ein Jahr nach der Ernährungskonferenz in London bewilligt der US-Kongress 900 Millionen Dollar zum Ankauf von Lebensmitteln für die Westzonen.

Stand: 03.04.2016

Programmtipps:

Auf WDR 2 können Sie den Stichtag immer gegen 9.40 Uhr hören. Wiederholung: von Montag bis Samstag um 18.40 Uhr. Der Stichtag ist nach der Ausstrahlung als Podcast abrufbar.

Stand: 03.04.2016, 00:00