Frühjahr 1998: Stiftung Deutsches Kabarettarchiv in Mainz entsteht

Blick in das Kabarettarchiv, 2010

Frühjahr 1998: Stiftung Deutsches Kabarettarchiv in Mainz entsteht

Das Deutsche Kabarettarchiv in Mainz ist ein magischer Ort. Von den Wänden grüßen mit Kurt Tucholsky, Erika Mann, oder Heinz Erhardt die Großen der Kleinkunst, Karl Valentin ist als Pappaufsteller vorhanden, Loriots Knollenmännchen hockt am Tresen an der Bar. Und über allem schwebt der niederrheinische Grantler Hanns Dieter Hüsch als eine Art guter Geist.

Denn seit 1989 wird das Deutsche Kabarettarchiv von Jürgen Kessler geleitet, der Hüschs Tour-Manager war. Kessler ist es dann auch, der Hüschs berühmte Orgel nach dessen Schlaganfall ins Archiv bringt. Außerdem legt Hüsch in gewisser Weise sogar den Grundstein für das Archiv.

Das Deutsche Kabarettarchiv in Mainz entsteht (am 02. März 1998)

WDR 2 Stichtag 02.03.2018 04:14 Min. WDR 2

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Nur drei Stunden Schlaf

14 Jahre ist der ostfriesische Schüler Reinhard Hippen alt, als er nach einem Auftritt von Hüsch 1958 ein Autogramm des Kabarettisten ergattert. Zusammen mit einem Programmheft der Studententruppe "Die Amnestierten" bildet es den Grundstein des Archivs. Von nun an sammelt Hippen alles, was ihm an Kabarettdokumenten in die Hände fällt. 

Unermüdlich heftet Hippen Manuskripte, Briefe und Zeitungskritiken ab, schneidet mit dem Tonband Programme mit. Inzwischen Grafikdesigner in Mainz, beauftragt er einen Ausschnittdienst für die Übersichtsarbeit, insgesamt rund 3.500 Euro monatlicher Kosten für seine Leidenschaft entstehen. Tagsüber arbeitet er, nachts frönt er seinem Hobby. Dazwischen bleiben nur drei Stunden Schlaf. Und in größere Wohnungen umziehen muss er ohnedies immer wieder.

80.000 Namen

Allmählich erkennt Mainz die kulturelle Relevanz des Unterfangens. Hippen bekommt Räumlichkeiten, zunächst im Rathaus, dann in einer Gründerzeitvilla, und Zuschüsse des Landes Rheinland-Pfalz. Da er seine ganzen Einkünfte in das Archiv steckt, statt Steuern zu bezahlen, wird das Archiv 1988 von der Staatsanwaltschaft verplombt.  Hippen muss seine Sammlung an die Stadt Mainz verkaufen. Das bricht ihm das Herz.

Im Frühjahr 1998 wird die "Stiftung Deutsches Kabarettarchiv" ins Leben gerufen, um den Fortbestand des "Gedächtnisses der Satire" abzusichern. Zwei Jahre später steigt auch die Kulturstiftung des Bundes ein, 2003 die Stadt Bernburg, die die Sammlung des DDR-Kabaretts beherbergt. Reinhard Hippen stirbt 2010 mit 68 Jahren.

Heute umfasst das Archiv in den Kellergewölben des Historischen Proviantmagazins rund 33.000 Bücher, 38.000 Tonaufzeichnungen sowie unzählige Noten, Plakate, Fotos und Nachlässe, insgesamt 6.000 Ordner mit Unterlagen zu insgesamt 80.000 Personen  – eine Fundgrube für Wissenschaftler und Journalisten.

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"ZeitZeichen" auf WDR 5 (9.45 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 2. März 2018 ebenfalls an die Gründung der Stiftung Deutsches Kabarettarchiv Auch das "ZeitZeichen" gibt es als Podcast.

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Stand: 02.03.2018, 00:00