20. Januar 1980 - Deutsche Bühnenpremiere der "Rocky Horror Show"

Schauspieler der Rocky Horror Picture Show auf der Bühne

Stichtag

20. Januar 1980 - Deutsche Bühnenpremiere der "Rocky Horror Show"

Die Abonnement-Inhaber des Essener Theater- und Opernhauses sind gewarnt: Elegante Garderobe könnte bei dieser Premiere Schaden nehmen. Denn am 20. Januar 1980 besetzt ausnahmsweise ein Völkchen schrill kostümierter Zuschauer das Parkett des ehrwürdigen Grillo-Theaters, Heimstatt von Essens Hochkultur.

Mit reichlich Konfetti, Reis und Regen aus der Wasserpistole wollen sie kultgerecht die deutsche Erstaufführung der "Rocky Horror Show" begleiten. Als sich der Vorhang zum laut Eigenwerbung "Theaterereignis der Saison“ hebt, herrscht gespannte Erwartung, auch bei Deutschlands Kulturkritikern. Das krude Sci-Fi-Musical feierte zuvor in London, Los Angeles und Tokio sowie als Kinoversion Riesenerfolge - und nun also im repertoireerprobten Stadttheater Essen?

Im Kino zunächst gefloppt

Text und Musik der rockigen Straps-Revue stammen aus der Feder des Briten Richard O’Brian. Als Zeitvertreib erfindet der arbeitslose Schauspieler Anfang der 1970er Jahre die Abenteuer des prüden Pärchens Brad und Janet im Gruselschloss des Transvestiten Frank-N-Furter. O’Brian, selbst transsexuell, mixt sein bizarres Gothic-Märchen aus laszivem Sex, Wesen aus dem All und Filmklassikern wie Frankenstein, Dracula und King Kong. Von Regisseur Jim Sharman inszeniert, erlebt die "Rocky Horror Show" im Juni 1973 in London ihre Uraufführung. Tim Curry spielt charismatisch den Verführer Frank-N-Furter, O’Brian tanzt als zwielichtiges Faktotum Riff Raff den Time-Warp.

In die Studiobühne des "Royal Court Theatre" passen nur 63 Zuschauer, aber die toben regelmäßig vor Begeisterung. O’Brian hat mit seinem schrägen Spektakel den Pop-Nerv der Zeit getroffen. Mehrfach zieht die kleine Horrorshow in größere Säle um und erobert schließt Londons Theaterdistrikt im Westend. Dort steht sie sieben Jahre auf dem Spielplan. Die billig produzierte Film-Version von 1975, mit Curry und O’Brian in den Hauptrollen, floppt allerdings. Bis eingefleischte New Yorker Fans in Rocky-Horror-Kostümen beginnen, bei Mitternachtsvorstellungen die Handlung dialoggetreu und gefühlsecht mitzuspielen.

Gute Noten nur für den Gaststar

Dank vollmundiger Promotion durch Essens Intendanten Ulrich Brecht ist die deutsche Premiere des Kult-Musicals seit Monaten ausverkauft. Die Regie hat der für schrill-tuntige Szene-Filme bekannte Kölner Walter Bockmayer übernommen, in der Hauptrolle agiert mit dem Amerikaner Decoven C. Washington erstmals ein schwarzer Frank-N-Furter. Essens Stammensemble verkörpert die übrigen Rollen. Statt im morbiden Schloss schickt Bockmayer seine lüsternen Transsilvanier in einer sterilen Klinikkulisse auf Zeitreise, reichlich frei gelegte Pobacken inklusive. Als Spaßbremse erweist sich die hölzerne Übersetzung von Horst Königstein, deren Verständlichkeit eine offenbar überforderte Tontechnik nicht verbessert.

Die Premierenfans in Netzstrümpfen und Korsagen werfen trotzdem Reis, spritzen Wasser und feiern vor allem sich selbst. Die Kritik aber lässt kaum ein gutes Haar an Bockmayers Freak-Show: "Das Produkt schmeckt wie solide Plastikware, garantiert keimfrei", schreibt die FAZ, "Disco-Karneval" nörgelt die NRZ. Gute Noten erhält allein Gaststar Decoven C. Washington. "Seine bluesige Verkörperung des Frank-N-Furter entschädigt für so manches", lobt der Kölner Stadt-Anzeiger. Die übrigen Schauspieler "wirken wie Marionetten, die ihren Part auf Befehl runterspulen." Den Erfolg des Kult-Musicals hält die missglückte Essener Premiere nicht auf. Als modernes Kasperle-Theater für Erwachsene steht die "Rocky Horror Show" bis heute als Zugnummer auf dem Spielplan großer und kleiner Häuser.

Stand: 20.01.2015

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