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26. April 1986 - Atomreaktor von Tschernobyl explodiert

Blick auf den zerstörten Reaktorblock 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl

26. April 1986 - Atomreaktor von Tschernobyl explodiert

Am 26. April 1986 kommt es im Atomkraftwerk von Tschernobyl zum bisher schwersten Unfall in der Geschichte der Kernenergie. Durch eine Explosion wird einer der vier Reaktorblöcke zerstört. Die radioaktive Wolke zieht bis nach Mitteleuropa.

Explosion im Kernkraftwerk von Tschernobyl (26.04.1986)

WDR ZeitZeichen 26.04.2021 14:45 Min. Verfügbar bis 27.04.2099 WDR 5


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Als es im Atomkraftwerk von Tschernobyl zum weltweit gefürchteten Super-GAU kommt, ist der Reaktor des Blocks 4 gerade einmal drei Jahre in Betrieb. In der damaligen Sowjetunion wird er als Musteranlage gepriesen - obwohl Fachleuten etliche Mängel durchaus bewusst sind. Doch die Ereignisse vom 26. April 1986 übersteigen ihre schlimmsten Befürchtungen.

Alles beginnt mit einem Experiment. Um heraus zu finden, was bei einem Stromausfall passiert, reduzieren Techniker die Reaktorleistung von Block 4 und schalten die Notkühlung sowie mehrere Sicherheitssysteme ab.

Folgenschwere Kettenreaktion

Durch Konstruktionsmängel des Kraftwerks und mehrere Bedienungsfehler erhitzt sich der Brennstoff extrem, wodurch die radioaktive Leistung abrupt um das Hundertfache ansteigt. Dabei entstehen Gase, die sich ausdehnen. Um 1.24 Uhr sprengt der Druck die tausend Tonnen schwere Abdeckplatte des Reaktors aus der Verankerung. Der Reaktorkern liegt frei. Sein Graphitblock fängt Feuer. Bei Temperaturen von mehr als 2.000 Grad gelangen radioaktive Partikel in die Luft.

In der nahe gelegenen Stadt Pripjat erreicht die Strahlung schon kurz danach das 600.000-fache des normalen Werts. Dennoch dauert es noch 36 Stunden, ehe die rund 50.000 Einwohner mit Bussen evakuiert werden. Währenddessen laufen in Tschernobyl die Notmaßnahmen auf Hochtouren. Trotz aller Bemühungen speit der Reaktor zehn Tage lang heiße Asche und radioaktive Stoffe in die Atmosphäre.

Der Kreml schweigt

Im Kreml will man die Katastrophe möglichst lange geheim halten. Erst nachdem unter anderem in Schweden erhöhte Radioaktivität festgestellt wird, räumt Moskau am 28. April die "Havarie" in Tschernobyl ein. Schließlich erreicht der radioaktive Niederschlag auch Deutschland. Am 2. Mai warnt die Bundesregierung erstmals vor dem Verzehr von Milch und Gemüse. Bauern müssen ihre Kühe im Stall lassen, Kinderspielplätze werden gesperrt.

Nach dem Unfall bleiben die drei unbeschädigten Reaktoren der Anlage weiter in Betrieb. Erst im Jahr 2000 wird das Atomkraftwerk Tschernobyl stillgelegt - die Folgen sind da immer noch allgegenwärtig. Der nach dem Unglück notdürftig errichtete "Sarkopharg" um den explodierten Reaktorblock ist inzwischen marode. Zwischen 2012 und 2016 wird mit ausländischer Finanzhilfe eine neue Schutzhülle gebaut, die nach Aussagen der Konstrukteure mindestens 100 Jahre halten soll.

Insgesamt sterben knapp 60 Helfer an akuter Strahlenkrankheit. Bei den Langzeitfolgen gehen die Schätzungen weit auseinander. Sie reichen von weniger als 10.000 bis mehr als 1,7 Millionen Krebstoten. Sicher ist dagegen, dass die Katastrophe von Tschernobyl eine neue Diskussion um die zivile Nutzung der Kernenergie entfacht hat, die bis heute anhält.

Autor des Hörfunkbeitrags: Ralf Gödde
Redaktion: Ronald Feisel​

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