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22. September 2001 - Violinist Isaac Stern gestorben

Der Violinist Isaac Stern auf seiner Geige spielend

22. September 2001 - Violinist Isaac Stern gestorben

Nur Noten zu spielen statt Musik zu machen, das sei das größte Verbrechen eines Musikers, hat Isaac Stern gesagt. "Make the violin speak" lautet das Credo des 1920 in der Ukraine geborenen Geigers, der zu den bedeutendsten Virtuosen seiner Zeit zählt. Dank Sterns Initiative wird die New Yorker Carnegie Hall vor dem Abriss bewahrt.

Isaac Stern, US-amerik. Geiger (Todestag, 22.09.2001)

WDR ZeitZeichen 22.09.2021 14:49 Min. Verfügbar bis 23.09.2099 WDR 5


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Viele Klassik-Fans rund um den Globus haben Isaac Stern nicht im Konzertsaal, sondern im Kino kennengelernt. Die Oscar-prämierte Dokumentation "Von Mao zu Mozart" schildert 1981 die Reise des weltbekannten Geigers durch China. Wie der kleine, rundliche Mann humorvoll und inspirierend abendländische Musik in dem von Maos Kulturrevolution verödeten Land vermittelt, ist ein packendes Erlebnis – für seine chinesischen Zuhörer ebenso wie für die Kinozuschauer.

Als einer der bedeutendsten Violinisten des 20. Jahrhunderts hat Isaac Stern in allen großen Konzertsälen der Welt gastiert, nur in Deutschland nicht. Das Wissen um die Gräueltaten der Nazizeit, sagt der Bonner Musikjournalist Norbert Hornig, "habe es Stern unmöglich gemacht, sich liebevoll mit einem deutschen Publikum zu unterhalten."

So kommt es einer Sensation gleich, als der Virtuose 1999 ein einziges Mal deutschen Boden betritt, um an der Musikhochschule Köln einen Meisterkurs zu geben. "Da erlebte man den Lehrer aus Leidenschaft, streng, bestimmend, charismatisch und wissend", erinnert sich Hornig, der das Glück hatte, dabei sein zu können.

Eine Klasse für sich

Was wirklich zähle sei nicht, wie man Geige spielt, sondern warum, sagt Isaac Stern, der 1920 in der Ukraine zur Welt kam. Kurz nach seiner Geburt wandert die Familie nach San Francisco aus. Von seiner als Sängerin ausgebildeten Mutter erhält er Klavierunterricht. "Doch", so erzählt Stern, "ich fand schnell heraus, dass ich eine bestimmte Affinität für die Geige besaß."

1937 gibt er mit dem San Francisco Symphony Orchestra sein Debüt als Profigeiger. Sechs Jahre später steht er erstmals auf der Bühne von Amerikas berühmtestem Konzertsaal, der New Yorker Carnegie Hall. Sein Repertoire konzentriert sich auf die Komponisten der Klassik und der Romantik. Viele seiner Plattenaufnahmen, etwa die Konzerte von Mendelssohn, Brahms und Sibelius werden als diskografische Ikonen gefeiert. "Als Musiker – er wollte nie nur Geiger sein – war Stern eine Klasse für sich, einer, der noch zur goldenen Ära des Violinspiels im 20. Jahrhundert gehört", urteilt der Kritiker Hornig.

Machtmensch und Machtgeiger

Schon früh reicht Sterns Wirken über das musikalische Kerngeschäft hinaus und strahlt ins Gesellschaftlich-Politische. Der Stargeiger erweist sich als gewiefter Medienmensch, Taktierer und Paktierer, einer, der sich durchzusetzen weiß. Zeitweise geht in New Yorks Musikleben fast nichts ohne ihn. Seine Gegner ätzen, Stern würde mehr telefonieren als sein Geigenspiel zu perfektionieren.

Bühne der Carnegie Hall aus der letzten Reihe fotografiert

Carnegie Hall: von Isaac Stern vor dem Abriss bewahrt

Als 1960 die marode und unterfinanzierte Carnegie Hall abgerissen werden soll, geht der Netzwerker Stern auf die Barrikaden. Dank seines Einflusses kauft die Stadt das geschichtsträchtige Gebäude und verpachtet es an eine gemeinnützige Organisation, deren Präsidentschaft Stern später übernimmt.

Itzhak Perlman

Von Isaac Stern gefördert: Star-Geiger Itzhak Perlman

Sterns Wort hat Gewicht bei Agenten, Produzenten und Kollegen. Unermüdlich fördert er aufstrebende Talente wie Itzhak Perlman und Pinchas Zukerman. Doch er spielt seine Autorität auch aus, um die Karrieren junger Geiger, die seinen Protegés im Wege stehen, zu blockieren. Einen "Machtmenschen und Machtgeiger" nennt ihn der Musikkritiker Jürgen Kesting.

Die Geige zum Sprechen bringen

In den 50er und 60er Jahren steht Isaac Stern auf dem Zenit seiner Karriere als Instrumentalist. Norbert Hornig beschreibt seinen Geigenton als kraftvoll, männlich und facettenreich, mit einer Art herber Sinnlichkeit. "Später dann wird sein Ton etwas dünner, weniger kraftvoll. Das ist auch in den Aufnahmen zu hören. Dieses Schicksal teilt Stern aber mit anderen Geigern."

Die geistige Durchdringung der Musik, die Fähigkeit, musikalische Strukturen in die Sprache seiner Geige zu übersetzen, bleibt Isaac Sterns unvergleichliche Stärke. "Make the violin speak" lautet sein künstlerisches Credo. Im Jahr 1996 entsteht seine letzte Aufnahme. Tief betroffen vom Terroranschlag auf das World Trade Center stirbt der Ausnahmegeiger kurz darauf am 22. September 2001 in seiner Heimatstadt New York.

Autor des Hörfunkbeitrags: Christoph Vratz
Redaktion: Hildegard Schulte

Programmtipps:

"ZeitZeichen" auf WDR 5 (9.45 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 22. September 2021 an Isaac Stern. Das "ZeitZeichen" gibt es auch als Podcast.

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