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Barbara und Stefan Weidle über "Die Nacht der Zeiten" von René Fülöp-Miller

Verleger im Gespräch

Barbara und Stefan Weidle über "Die Nacht der Zeiten" von René Fülöp-Miller

Stand: 10.11.2023, 15:49 Uhr

Nach fast 30 Jahren geben Barbara und Stefan Weidle ihren unabhängigen Weidle Verlag in die Hände von Wallstein. Zum Abschied veröffentlichen sie u.a. einen außerordentlich modernen Kriegsroman von 1955 erstmals im deutschen Original.

Im Archiv des Dartmouth College an der US-Ostküste fand Stefan Weidle das Originalmanuskript von René Fülöp-Millers "Die Nacht der Zeiten". Miller kam 1891 in Österreich-Ungarn als Philipp René Maria Müller zur Welt. Er studierte Pharmazie, meldete sich bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs freiwillig als Soldat.

Nach dem Krieg machte er seine Leidenschaft zum Beruf: als Journalist und Schriftsteller, in Berlin, Wien und London. 1939 emigrierte er in die USA, wo er in Neuengland an ebendem College lehrte, an dem Weidle nun das verschollene Manuskript fand. Dieses war 1955 zwar publiziert worden – aber nur in den USA und in englischer Übersetzung.

"Die Nacht der Zeiten" ist der Bericht des Soldaten Adam Ember. Der junge Mann und seine Kameraden führen einen zermürbenden Stellungskrieg gegen "den Feind" und haben die sinnentleerte Aufgabe, einen Hügel zu verteidigen. Auch wenn das Szenario an die Grabenkämpfe des Ersten Weltkriegs erinnert, hier wird schnell wird klar: Es geht nicht um einen bestimmten Krieg.

Nein, Fülöp-Miller versucht etwas viel Größeres, einen Roman über den Krieg an sich. Ember und seine Kameraden lassen sich keiner Nation zuordnen, auch ein Grund für den Krieg wird nicht genannt. Was Fülöp-Miller vom Krieg hält, macht er in der Figur des Totenhauptmanns deutlich.

Adam wird nämlich dessen Truppe zugeteilt, die für die Bergung und Beisetzung der Gefallenen zuständig ist. Und die wird vom Totenhauptmann Galander kommandiert. Dieser hat überhaupt keine Augen mehr für die Lebenden und ihre Belange. Alles, was ihn interessiert, ist die Armee der Toten, die ständig größer wird. Denn das ist für ihn der eigentliche und immerwährende Sieger eines jeden Krieges: der Tod!

Ember erlebt den Krieg als große Absurdität, die mit dem Leben, das sie alle kannten, nichts mehr zu tun hat. Bei Erscheinen in den USA wurde der Roman beworben als "der Kriegsroman, nach dem es keine weiteren Kriegsromane mehr zu geben braucht". Und in der Tat macht Fülöp-Miller den Krieg und das Leben in all ihren Facetten spürbar in einer Intensität, die Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues" nicht nachsteht.

Hier wird deutlich, was Literatur vermag. Man fühlt den Schlamm der Schützengräben auf der Haut, den Hunger der Soldaten. Der Erzähler folgt einem amtlichen Ersuchen um mehr Essensrationen auf seinem Weg in die Ewigkeit, wo alle unbearbeiteten Papiere, Wachstafeln und Pergamentrollen enden.

Oder dem Flug einer Fliege, und plötzlich ist mit den wartenden Soldaten für einen Moment die Erinnerung an friedlich träge Sommertage, die unendlich weit weg erscheinen. Eine literarische Entdeckung, wie sie heutzutage nur noch selten aus den Tiefen des 20. Jahrhunderts geborgen wird.

Solche Entdeckungen sind es, mit denen Barbara und Stefan Weidle ihre Verlegerkarriere in den 1990er-Jahren begannen. Damals hatte ihnen bei einem USA-Besuch der Filmemacher und Ex-Sekretär von Thomas Mann im Exil, Albrecht Joseph, seine Autobiografie in die Hand gedrückt und gesagt: "Macht damit, was ihr wollt". Sie brachten das Buch heraus. Erst bei anderen Verlagen, später dann im eigenen Bonner Weidle Verlag.

Viele weitere lesenswerte Entdeckungen folgten, neben deutsch-jüdischer Exilliteratur aus England und den USA und Literatur der 1920er-Jahre auch Gegenwartsliteratur aus Island, Georgien, Finnland und Syrien.

Nun verabschiedet sich das Verlegerpaar aus dem Geschäft. Doch von Ruhestand möchten Sie nicht sprechen. Und den Weidle Verlag wird es unter anderer Ägide auch glücklicherweise weiter geben.

Ein Beitrag von Lina Brünig

Barbara und Stefan Weidle im Gespräch

WDR 5 Bücher - Autoren im Gespräch 11.11.2023 12:24 Min. Verfügbar bis 09.11.2024 WDR 5


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Literaturangaben:
René Fülöp-Miller: Die Nacht der Zeiten
Weidle Verlag
332 Seiten. 25 Euro.

Veranstaltungstipp:
Montag, 13.11.2023, 20 Uhr, Bonn
Buchhandlung Böttger Weidle Verlag – Geschichten und Geschichte.
Ein Abend mit Barbara und Stefan Weidle
Moderation: Thomas Kliemann
https://buchhandlung-boettger.de/site/index.php/component/content/article/8-veranstaltungen/873-montag-23-10-2023-20-uhr