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Buchcover: "Biologie des Gedichts". Gedichte aus Spanien

"Dies ist kein Horrorgedicht" von Rosa Berbel

Stand: 07.07.2023, 17:22 Uhr

Frisch auf dem Tisch: eine Anthologie mit zeitgenössischen Gedichten aus Spanien. Fünf Dichterinnen und Dichter aus fünf spanischen Regionen unter einem Dach.

Für die Reihe "Poesie der Nachbarn" haben sich fünf Dichterinnen und Dichter mit ihren deutschen Übersetzerinnen und Übersetzern gefunden. Darunter bekannte Namen wie Katja Lange-Müller, Tom Schulz, Alexandru Bulucz und Agnieszka Lessmann. Den Übertragungen lagen Interlinear-Versionen zugrunde, die zunächst eine Wort-für-Wort-Übersetzung des Ausgangstextes geliefert haben; dann machten sich die Beteiligten an die eigentliche Arbeit: ans Nachdichten.

Die regionalen Sprachen des spanischen Festlands wurden in dieser Anthologie berücksichtigt. Die aus der Provinz Sevilla stammende Rosa Berbel schreibt in "Zukunftsvisonen" vom "… Job, den wir hassen" und fragt sich in "Dies ist kein Horrorgedicht", wo die Träume des gesellschaftlichen Aufstiegs geblieben sind: "Wer verschob einfach, ohne zu fragen, in den Garten / den Leichnam unserer Mittelklasse?" In "Meine längste Beziehung" erzählt die galizische Autorin Yolanda Castano: "Die Nachbarn ziehen über uns her, weil (…) der falsche Müll zur falschen Zeit an der Straße steht". Die auf Katalanisch schreibende Maria Josep Escrivà erwähnt den „… Schmerz, der uns formt / Stalaktiten sind wir, die langsam wachsen …" und Castillo Suárez aus dem Baskenland zieht in "Bei Tagesanbruch war alles verschneit" ein Fazit: "Siebzehn Jahre sind genug, um zu wissen, ob du am falschen / Ort bist. Und mit wem." Der fünfte im Bunde ist Mario Martin Gijón, der in Kastilien lebt und die "Unfassliche Anmut in Marburg an der Lahn" beschrieben hat.

Diese bemerkenswerte Anthologie hat sich das Ziel gesetzt, die Regionalsprachen Spaniens in den Fokus zu stellen – und damit auch die jeweiligen poetischen Traditionen. Wer mehr darüber wissen will, wird im literaturwissenschaftlichen Nachwort von Raquel Pacheco Aguilar Erhellendes finden.

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Hans Thill (Hrsg.): Biologie des Gedichts. Gedichte aus Spanien. Poesie der Nachbarn
Mit Gedichten von Rosa Berbel (Andalusien), Yolanda Castaño (Galizien), Maria Josep Escrivà (Katalonien) , Castillo Suárez (Baskenland) und Mario Martín Gijón (Kastilien)
Übersetzt von Alexandru Bulucz, Mara Genschel, Agnieszka Lessmann, Katja Lange-Müller, Àxel Sanjosé und Tom Schulz
Wunderhorn Verlag, 160 Seiten, 26 Euro