20.11.2017 – Wagner, "Tannhäuser" in Wiesbaden

20.11.2017 – Wagner, "Tannhäuser" in Wiesbaden

Für Patrick Lange ist die Tannhäuser-Partitur eine Art Landkarte bei der Expedition seines Debüts als GMD am Hessischen Staatstheater Wiesbaden. Hinter jeder Seite tut sich eine musikalische Hörenswürdigkeit auf, die er dem Zuhörer wohlmeinend präsentiert. Selten hat man die Ouvertüre so pulsierend-impulsiv und vielgestaltig vernommen, dass man die vielen Eindrücke gar nicht so schnell verarbeiten kann.

Dazu hat natürlich auch das musikalisch passgenaue Video von Gérard Naziri und Falko Sternberg beigetragen, wo in einer Traumsequenz Tannhäusers Sex- und Obrigkeitsfantasien ablaufen und auf der Bühne von Rolf Glittenberg der Venusberg in Form eines modernen Edelbordells gezeigt wird, mit vielen nackten Körpern.

Sabina Cvilak als Elisbeth in "Tannhäuser" am Hessischen Staatstheater Wiesbaden

Sabina Cvilak als Elisabeth

Ganz aufs Musikalische konnte man sich dagegen in Elisabeths Abschieds- und Todesankündigungsszene konzentrieren. Die Bühne ist hier ganz schwarz, Schnee bedeckt, mit riesigem Betonkreuz auf dem Boden und einem Trekkingzelt für Wolfram. Zu "O, nimm von dieser Erde mich", von Sabina Cvilak zart aber doch bestimmt gesungen, lässt Patrick Lange das Orchester in einem klaren, schneidenden Ton begleiten. Danach folgt ein herrlicher Bläserchor, in dem jeder Ton fast überdeutlich artikuliert ist und sich trotzdem eine Art von Traurigkeit ausbreitet. Hier schreitet Elisabeth, sich ihres Nachthemds entledigt, aus der Szene, und Wolfram beginnt sein Lied vom Abendstern gar nicht abgeklärt, sondern jugendlich unbekümmert. Das liegt wohl auch an der tatsächlichen Jugend des noch nicht einmal dreißigjährigen irischen Baritons Benjamin Russell.

Für Patrick Lange gibt es natürlich auch die machtvolle musikalische Geste. Beim Einzug der Gäste im zweiten Aufzug schmettern die Trompeten von den Seitenlogen, als ob man es mit venezianischer Mehrchörigkeit zu tun hätte. Eine andere Art von Fortissimo zeigte sich in den Empörungschören wie "Ha, der Verruchte!". Da steuerte er mit vollem Tempo in die Dissonanz und ließ Sänger und Instrumente förmlich kreischen. Dagegen wirkten die Pilgerchöre, sonst musikalische Schmuckstücke jeder "Tannhäuser"-Aufführung, merkwürdig brüchig und so gar nicht erlöst.

Eine interessante Deutung hat der Hausherr und Regisseur Uwe Eric Laufenberg für die Titelfigur gefunden. Tannhäuser ist weder Erotomane noch frömmelnder Büßer. Die Venus im ersten Aufzug findet er wohl schon attraktiv. Es scheint aber, als fliehe er von ihr, weil ihn das Bordell auf Dauer nur anödet. Auch zu Elisabeth fühlt er sich nicht wirklich hingezogen. Immer nur auf Wolframs Stichworte hin, setzt er sich in ihre Richtung in Bewegung. Die einzige Aussprache zwischen beiden im zweiten Aufzug findet reichlich formell auf dem gesellschaftlichen Parkett der Sängerhalle statt, über der ein monströser Bronze-Adler droht. Diese unschlüssige Haltung Tannhäusers kann man genauso der Partitur entnehmen. Uwe Eric Laufenberg hat sich einmal mehr als ein Regisseur gezeigt, dem die Stückinhalte wichtiger sind als die Metaebenen. Er hat in Lance Ryan einen Tannhäuser, der diese schwankende Haltung sehr gut verkörpern kann und das sogar auch stimmlich tut, indem er seine Heldentenorkraft nur ein-, zweimal einsetzt etwa in dem Power-Duett mit Elisabeth "Gepriesen sei die Stunde". Ansonsten hört sich seine Stimme leicht, dabei klar artikulierend an wie in der Romerzählung. Er singt hier wie von sich in der dritten Person. Diese Klarheit zeigt ihn verletzlich, so rutscht hier und da mal ein Ton weg, was aber zu einem Tannhäuser passt, der auch in seinem Charakter ungefestigt ist.

Premiere: 19.11.2017, noch bis zum 30.06.2018

Besetzung:

Hermann, Landgraf von Thüringen: Young Doo Park
Tannhäuser: Lance Ryan
Elisabeth: Sabina Cvilak
Venus: Jordanka Milkova
Wolfram von Eschenbach: Benjamin Russell
Walther von der Vogelweide: Aaron Cawley
Biterolf: Thomas de Vries
Heinrich der Schreiber: Joel Scott
Reimar von Zweter: Alexander Knight
Ein junger Hirt: Stella An

Chor & Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

Musikalische Leitung: Patrick Lange
Inszenierung: Uwe Eric Laufenberg
Bühne: Rolf Glittenberg
Kostüme: Marianne Glittenberg
Chor: Albert Horne
Licht: Andreas Frank
Video: Gérard Naziri, Falko Sternberg
Dramaturgie: Regine Palmai

Stand: 20.11.2017, 13:50