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Schlussbild von "Götterdämmerung" bei den Bayreuther Festspielen 2023

01.08.2023 – Wagner, "Götterdämmerung" bei den Bayreuther Festspielen

Stand: 01.08.2023, 09:30 Uhr

Catherine Foster als Brünnhilde steht am Schluss von Wagners „Götterdämmerung“ auf dem Boden eines abgelassenen Swimmingpools, in dem sich, seit Siegfried und Hagen zugange waren, allerlei Unrat angesammelt hat und – erschreckenderweise – der abgeschlagene Kopf von Brünnhildes Begleiter Grane (in der Inszenierung von Valentin Schwarz ist er kein Pferd sondern ein Mensch). Brünnhilde liebkost den Kopf und singt dazu ihre Abschiedsworte.

Catherine Foster tut dies mit sehr klarer, ruhiger Stimme, nachdenklich die Worte wägend. Erst ganz zum Schluss lässt sie noch einmal ihre Stimme aufblühen, um zusammen mit dem Orchester den Klangraum zu fluten. Ihre Deutung der Rolle war neuartig und von höchster sängerischer Qualität: man erlebte eine Frau, die nach den Erniedrigungen, die sie durch Siegfrieds Untreue erfahren hat, für sich einen Plan entwickelt, diesen ohne Groll oder Verzweiflungsausbrüche umsetzt und dabei durch die Stimme innere Größe nach außen vermittelt.

Andreas Schager als Siegfried tat das Gegenteil. Er verkörperte eine fahrige, unkonzentrierte Person, mal mit beiläufigen erotischen Übergriffen auf Gutrune, mal mit Gleichgültigkeit und Gewalt gegen Brünnhilde vor der Rheinfahrt oder der Entführungsszene. Es war für den Zuschauer und Zuhörer schwer zu entscheiden, ob diese Gebärden eines kraftmeiernden Normalos so ganz aus einem szenischen Kalkül geschah oder ob Schager, der ja am Vortag gerade noch den Parsifal zum zweiten Mal gesungen hatte, nicht doch ein bisschen nachlässig zu Werke gegangen war, sozusagen einen Siegfried im Schongang ablieferte, der zwar die dramatischen Kurzausbrüche akkurat ablieferte, der aber immer eine Art Anschubkraft brauchte, um die Stimme nach oben zu stemmen, worunter Textverständlichkeit und Phrasierung litten.

Dies hatte Mika Kars als Hagen nicht nötig. Wenn er zu seinen Hoiho-Rufen ansetzte , sekundiert von den Posaunen, waren das markerschütternde Klangüberwältigungen. Nicht so gut gelang er der Dialog mit seinem Vater Alberich („Schläfst du, Hagen mein Sohn“). Das lag aber vor allem an Olafur Sigurdarson mit seinem rhythmisch und intonationsmäßig ungenauen Singen, bei dem er sich auch nicht vom Dirigenten Pietari Inkinen steuern ließ.

Für die Dirigenten hält die „Götterdämmerung“ etliche Paradenummern fürs Orchester parat. Siegfrieds Rheinfahrt ließ Inkinen fast musikantisch und lustvoll mit Liebe zum Detail erklingen. Dazu reichte ihm ein unaufgeregtes, aber klares Mezzoforte und ein pulsierendes, gemessenes Weiterschreiten. Auch Siegfrieds Trauermarsch ließ er nicht bombastisch ertönen, bündelte aber alle orchestralen Kräfte auf ein gemeinsames Wollen, so dass sich der Eindruck von Trauer und Erhabenheit auf eine Weise einstellte, wie wenn jemand mit Bedacht rituelle Handlungen vollzieht.

Solche Züge von Gemessenheit und Umsicht waren nicht die Sache des Regieteams um Valentin Schwarz, schon weil die Bühne von Andrea Cozzi während der vier Abende des „Ring des Nibelungen“ immer irgendwie unaufgeräumt und halbfertig wirkte. Alles dramaturgisches Kalkül natürlich, aber auf Dauer für den Zuschauer doch ermüdend und verwirrend für das Auge. Der übergeordnete Einfall von Schwarz, nämlich den „Ring des Nibelungen“ als eine Familiengeschichte zu zeigen, bei der Intrigen und Verstrickungen zum Untergang führen (Am Schluss der „Götterdämmerung“ hat sich Wotan erhängt und wird im Bühnenhintergrund hoch gezogen), ergaben keinen schlüssigen Erzählstrang, wohl aber immer wieder einzelne interessante Szenen. In der „Götterdämmerung“ zum Beispiel die ständigen Gewalthandlungen insbesondere gegen Frauen, die sich auf der Bühne mal explizit (Brünnhildes Entführung), mal nebenher (die Erniedrigungen Gutrunes) ereignen. Der Preis von Valentin Schwarz‘ assoziativem Regiestiel waren donnerartige Buhsalven beim Schlussvorhang.

Besetzung:
Siegfried: Andreas Schager
Gunther: Michael Kupfer-Radecky
Alberich: Olafur Sigurdarson
Hagen: Mika Kares
Brünnhilde: Catherine Foster
Gutrune: Aile Asszonyi
Waltraute: Christa Mayer
Nornen: Okka von der Damerau, Claire Barnett-Jones, Kelly God
Rheintöchter: Evelin Novak, Stephanie Houtzeel, Simone Schröder
Grane: Igor Schwab

Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele

Musikalische Leitung: Pietari Inkinen
Regie: Valentin Schwarz
Bühne: Andrea Cozzi
Kostüm: Andy Besuch
Dramaturgie: Konrad Kuhn
Licht: Reinhard Traub
Video: Luis August Krawen
Chorleitung: Eberhard Friedrich