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Wagner, Der Fliegende Holländer, Beginn des 3. Akts

03.04.2023 - Wagner, "Der fliegende Holländer" in Köln

Stand: 03.04.2023, 09:30 Uhr

Die beste Szene in der neuen Kölner Produktion im "Fliegenden Holländer" war der Beginn des 3. Akts, wo die Matrosen Dalands sich in eine wilde Horde verwandeln, die sich in ein russisches Karnevalstreiben – genannt "Masleniza" – stürzen, inkl. einer Puppe, die verbrannt wird.

Der Chor der Oper Köln schreit "Steuermann! Lass die Wacht!" gellend aggressiv und singt auch gleich noch den Part der Mannschaft des Holländers "Sieben Jahre sind vorbei" wie in einem Rollenspiel. Die Leute des Holländers zeigt der Regisseur Benjamin Lazar als stumme, torkelnde Gestalten, halb Geister, halb Puppen, die malträtiert werden.

Die zweitbeste Szene war die darauf folgende Auseinandersetzung zwischen Erik und Senta ("… mir einst gelobtest, ewige Treu?"). Maximilian Schmitt macht aus der Figur einen echten Liebhaber, der seine Sorge um Sentas Überleben in einer drängenden, fokussierten Weise singt wie ein Heldentenor, worauf Ingela Brimberg als Senta mit schneidender und unmodulierter Stimme ihn abweist.

Auch wie sie ihre Ballade zu Beginn des 2. Akts singt, passte zu dieser Art von kalt kontrollierter Ekstase, die sie ins Publikum schleuderte, so als ob ein inneres Beteiligtsein ihrer Mission und dem Frauenbild, das hier gezeichnet wurde, hinderlich wäre.

James Rutherford als Holländer war dagegen kein wirklicher Widerpart zu Erik (sonst ist es meistens umgekehrt). Sein "Wie aus der Ferne längst vergang’ner Zeiten" klang zwar noch wie ein reflektiertes zu sich selbst Sprechen, aber wenn "Mein Heil hab‘ ich gefunden" genauso beiläufig klingt, fragt man sich als Zuhörer, um welche Art von Erlösung es hier eigentlich geht.

Karl-Heinz Lehner hat man als Fafner in Bayreuth oder als Ochs in Dortmund in bester Erinnerung. Er ist ein neues Ensemblemitglied in Köln. Die Rolle des Daland schien ihm aber noch nicht richtig zu passen. Erst im zweiten Akt konnte er bei "Mögst du… den fremden Mann willkommen heißen" zu einem fließenden, unbekümmerten Tonfall finden.

Der ganze erste Akt aber, wo sich Daland und der Holländer erstmals begegnen, verlief zwischen den beiden Bassisten unspezifisch und unentschlossen im Spielen wie im Singen. Und auch von François-Xavier Roth gingen hier praktisch keine Impulse aus (oder man nahm sie nicht wahr). Seine Orchesterleitung wirkte den ganzen Abend über merkwürdig verhalten, vielleicht auch deswegen, weil er und seine Musiker in ein enges Fabrikuntergeschoss verbannt wurden, in eine Art Maschinenraum eines von Adeline Caron gestalteten Industriegebäudes, das man sich vielleicht in einem Containerhafenterminal vorstellen kann, wo der Regisseur Lazar sich aber leider viel zu wenig darum kümmerte, das, was sich zwischen den Personen an seelischen Abgründen auftut, auszuloten.

Premiere: 02.04.2023, noch bis zum 07.05.2023

Besetzung:
Daland: Karl-Heinz Lehner
Senta: Ingela Brimberg
Erik: Maximilian Schmitt
Mary: Dalia Schaechter
Der Steuermann: SeungJick Kim
Der Holländer: James Rutherford

Chor und Extrachor der Oper Köln
Gürzenich-Orchester Köln

Musikalische Leitung: François-Xavier Roth
Inszenierung: Benjamin Lazar
Bühne & Kostüme: Adeline Caron
Co-Regie: Elizabeth Calleo
Licht: Andreas Grüter
Chorleitung: Rustam Samedov
Dramaturgie: Svenja Gottsmann