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Vladislav Sulimsky (Macbeth) und Asmik Grigorian (Lady Macbeth)

11.08.2023 – Verdi, „Macbeth“ bei den Salzburger Festspielen

Stand: 11.08.2023, 09:30 Uhr

Schon nach den ersten Tönen der Ouvertüre fragt man sich, ob Philippe Jordan eine andere „Macbeth“-Musik präsentieren würde, nämlich eine aus dem Geist des frühen Verdi mit einem beherzt drauflos spielenden Orchester, bei dem die Virtuosität und Klanggewalt der Bläsersektion im Mittelpunkt steht. Tatsächlich blieb das der beherrschende Eindruck bis zum Schluss, wo Malcolm die Truppen zum Kampf gegen Macbeth aufruft. Das war eine lärmende Kriegsmusik, die furchteinflößend wirkte.

Die Dominanz des Orchesters, möglicherweise auch bedingt durch die akustischen Verhältnisse in der Reihe 21 des Salzburger Festspielhauses, war auf Dauer aber ein Problem, denn diese Oper besteht nicht nur aus Aufmärschen und Hexentänzen. Man musste schon sehr genau über den Orchestergraben hinweghören, um die phänomenale Asmik Grigorian (seit ihrer Salome 2018 der Star der Festspiele) als Lady Macbeth in „Vieni! t‘affretta“ schätzen zu können, die am Anfang – ganz ungewöhnlich für diese Arie – mit Zurückhaltung begann, fast im wiegenden tänzerischen Rhythmus, um dann erst bei der mehrfachen Wiederholung von „Accetta il dono“ in ihrer Stimme einen Feuerstrahl entfachte, mit dem sie Macbeth zum Königsmord anzustachelt.

Vorne rechts hat die Ausstatterin Małgorzata Szczęśniak eine Sitzgruppe hingestellt. Dort sinniert im 2. Akt Banco mit seinem Sohn über das kommende Unheil seiner Ermordung, dort quält sich später Macbeth mit den Geistererscheinungen des toten Banco. Beide, Tareq Nazmi als Banco und Vladislav Sulimsky als Macbeth, können an diesem Platz ihren Gesang mit Hintergründigkeit, Nachdenklichkeit und gleichzeitiger emotionaler Beweglichkeit formen, weil sie vorne an der Rampe singen dürfen. So schön Sulimsky im 4. Akt sein „Pietà, rispetto, amore“ formte, da musste man es mehr ahnen als hören, und selbst das feurige Trinklied der Lady („Si colmi il calice“) klang irgendwie wie von ferne. Schade.

Der Regisseur Krzysztof Warlikowski und seine Mitstreiter haben Verdis erste Shakespeare-Oper, die eigentlich von nichts anderem handelt, als der Verstrickung von zwei Personen ins Böse, bedeutungsschwer aufgeladen. Im Zentrum stellt er das Trauma der Kinderlosigkeit der beiden (von dem bei Verdi und seinem Librettisten keine Rede ist). Man sieht Kinderbilder im Video, Puppen, die zerstückelt werden, eine Kinderleiche, die beim Bankett auf einem Servierteller gereicht wird, bis hin zu einem anrührenden, die ganze Breite und Höhe der Festspielbühne einnehmenden Schwarzweiß-Film im Schlussbild, bei dem ein Junge durch den Wald zieht. Da werden Assoziationen an den Vatermörder Ödipus oder an die mit dem Heiland (unfreiwillig) schwangere Maria bemüht. Das ist alles virtuos in Szene gesetzt ist, z. B. auch wenn Kinder als die acht Könige mit der übergestülpten Nachbildung des Kopfes des Banco-Sängers Nazmi Macbeth Schrecken einjagen und vieles mehr. Die Kunst von Warlikowski besteht freilich mehr darin, innerhalb seines optischen Überwältigungstheaters die Geschichte des Macbeth und der Lady, die ihrem Untergang entgegen taumeln, nicht aus dem Blick zu verlieren, bis hin zur Schlussszene, wo die beiden gefesselt als erbärmliche Kreaturen Schmach über sich ergehen lassen, nachdem offenbar der gedachte Selbstmord der Lady in der Nachtwandelszene gescheitert war. Dort stimmte Asmik Grigorian einen Gesang von inniger Weltabgeschiedenheit an und verabschiedete sich fast zärtlich von dem im Rollstuhl sitzenden Macbeth.

Besuchte Vorstellung: 10.08.2023, Premiere am 29.07.2023, noch bis zum 24.08.2023

Besetzung:
Macbeth: Vladislav Sulimsky
Banco: Tareq Nazmi
Lady Macbeth: Asmik Grigorian
Kammerfrau der Lady Macbeth: Caterina Piva
Macduff: Jonathan Tetelman
Malcolm: Evan LeRoy Johnson
Arzt: Aleksei Kulagin
u.v.a.

Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor
Wiener Philharmoniker

Musikalische Leitung: Philippe Jordan
Regie: Krzysztof Warlikowski
Bühne und Kostüme: Małgorzata Szczęśniak
Licht: Felice Ross
Video: Denis Guéguin, Kamil Polak
Choreografie: Claude Bardouil
Dramaturgie: Christian Longchamp
Choreinstudierung: Jörn Hinnerk Andresen