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Die drei Sonnen (3/6): Teil 1 der Trisolaris-Trilogie

05.03.2023 – Verdi, „Luisa Miller“ in Köln

Stand: 05.03.2023, 09:30 Uhr

In vielen Verdi-Opern ist die Polarität der Schauplätze eine dramatische Antriebsfeder, so etwa in „Simon Boccanegra“ mit den Palast- und Platzszenen in Genua oder ganz besonders in „Aida“, wo es vom Triumphmarsch in die unterirdischen Verliese geht. In „Luisa Miller“ dagegen sind die Schauplätze überschaubar intim: „Liebliches Dorf“, „Schlosssaal“, „Inneres im Haus Millers“, vor allem finden keine Massenszenen statt. Daraus hat der Regisseur Christof Loy den Schluss gezogen, diese Oper sei ein Kammerspiel und verlegt das Geschehen in einen einzigen von Johannes Leiacker gebauten weißen Raum, der lediglich mit einem Tisch (der nach der Pause von rechts nach links verschoben wurde), Stühlen sowie einem Kruzifix ausgestattet ist.

In dieser von Glyndebourne nach Köln übernommenen Inszenierung folgt Loy seinem seit Jahrzehnten verfolgten Regie-Prinzip, dass das Geschehen im Inneren und in der Interaktion der Personen stattfindet und nicht im äußeren Dekor. (Man kann auch umgekehrt vorgehen wie neulich in Jaume Plensas „Macbeth“-Inszenierung in Barcelona; siehe hier im Opernblog).

Auch wenn es auf der Bühne dann doch etwas turbulenter zugeht wie bei Luisas Geburtstagsreigen am Anfang, zeigt Loy dies in der Mimik, Gestik und der Positionierung jedes einzelnen Statisten (der Chor singt meistens aus dem Off). So entsteht eine sich aus den Personen heraus entfaltende Vibration auf der Bühne, und dadurch wirken auch die Blumen, die auf die auf dem Boden liegende Luisa gestreut werden, so schön sie aussehen, schon gleich zu Beginn wie eine Grabgabe.

Ólafur Sigurdarson als Miller und Mané Galoyan als Luisa

Ólafur Sigurdarson als Miller und Mané Galoyan als Luisa

Freilich gelingt Loy dieses psychologisierende Theater nicht mit jedem Darsteller: Ólafur Sigurdarson (der in Bayreuth zur Zeit den Alberich gibt) verkörpert den Vater Miller sowohl im Gesang als auch in Statur und Bewegung in statischer Weise. So wirkt seine Angst um Luisa, die sich in die Intrige von des Schlossverwalters Wurm verstrickt, irgendwie unbeholfen aufgesetzt. Glänzend spielen dagegen Krzysztof Bączyk als Wurm und Mané Galoyan als Luisa: Er ist nicht schlechterdings ein Schurke, sondern wirkt wie ein Getriebener, der Luisa um jeden Preis gewinnen will, keinesfalls ist er ihr überlegen. So wird diese Szene am Beginn des 2. Akts zum Höhepunkt des Abends, auch weil Galoyan die innere Qual Luisas beim Schreiben des erzwungenen Briefs, mit dem sie der Liebe zu Rudolfo scheinbar abschwört, in eine fokussierte Gesangslinie kleiden kann und in unter die Haut gehenden Pianotönen wie im entäußernden Forte ausdrückt. Da kann Krzysztof Bączyk mit seiner (an diesem Abend) etwas unbeweglichen klingenden Bassstimme nicht mithalten.

Und auch der Bass Dario Russo als Graf Walter spielt besser als er singt, denn in den rezitativischen Partien hört man fast nur undeutliche und wenig artikulierte Töne. Auf der Bühne wirkt er wie einer, der aus Verblendung und nicht aus Kalkül handelt und scheinbar nur das Beste für seinen Sohn Rodolfo will, nämlich die Heirat mit der Herzogin, die wie ein Püppchen im pinkfarbenen Kostüm in die Szene tritt, von Adriana Bastidas-Gamboa gar nicht naiv, sondern sich als ehrlich um Rodolfo bemühende Frau dargestellt wird.

Alle Figuren tragen schwarz-weiße Kostüme bis auf sie und Wurm in einem hellbraunen Anzug. Und so wirken die beiden wie sichtbar gewordene szenische Kristallisationspunkte des Geschehens durch ein von Loy und seiner Kostümbildnerin Ursula Renzenbrink verabreichtes Kontrastmittel.

Bei der Figur des Rodolfo glaubte man bei Rodrigo Porras Garulo einen Zwiespalt zu spüren, ob er in die Fußstapfen eines Placido Domingo, Luciano Pavarotti oder Carlo Bergonzi treten, die diese Partie mit allem Tenorglanz ausgestattet haben oder stattdessen lieber auch eine von Zweifeln geplagte Person verkörpern soll. Wohl Letzteres, denn bei seiner großen Arie „Quando le sere al placido“ kauert er auf dem Boden und sein Gesang wirkt (richtigerweise) wie von Tränen erstickt.

Dirigent Roberto Rizzi Brignoli agierte von einem Seitenraum aus. Als Zuschauer war man dann zwar sehr nahe am Loy‘schen Kammerspiel, aber um den Preis, dass die Musik eben von woanders tönte. Hinzu kommt, dass die Partitur von Verdi, ganz anders als es die Szene in Köln suggerierte, durchaus mit wuchtigen Orchestersteigerungen durchsetzt ist, z. B. in der Selbstmordszene im dritten Akt. Hier setzte sich Rizzi Brignoli gewissermaßen gegen Loy durch, indem er die Intimität auf der Szene mit musikalischer Dramatik im Forte konterkarierte.

Premiere: 04.03.2023, noch bis 01.04.2023

Besetzung:
Il conte di Walter: Dario Russo
Rodolfo: Rodrigo Porras Garulo
Federica: Adriana Bastidas-Gamboa
Wurm: Krzysztof Bączyk
Miller: Ólafur Sigurdarson
Luisa: Mané Galoyan
Laura: Maria Koroleva

Chor der Oper Köln
Gürzenich-Orchester Köln

Musikalische Leitung: Roberto Rizzi Brignoli
Inszenierung: Christof Loy, Georg Zlabinger
Bühne: Johannes Leiacker
Kostüme: Ursula Renzenbrink
Licht: Olaf Winter
Chorleitung: Rustam Samedov