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25.10.2021 - Kaija Saariaho, „L‘amour de loin“ in Köln

Adriana Bastidas Gamboa, Emily Hindrichs, Daniel Calladine in: „L’amour de loin“ von Kaija Saariaho

25.10.2021 - Kaija Saariaho, „L‘amour de loin“ in Köln

„L’amour de loin“ von Kaija Saariaho gilt als Meisterwerk der Opernmoderne, geradezu als Klassiker, den man mit „Tristan und Isolde“ und „Pelléas et Mélisande“ verglichen hat. Nach der Uraufführung bei den Salzburger Festspielen 2000 wurde es vielfach nachgespielt, was bei zeitgenössischen Opernkreationen nur sehr selten passiert und durch einen großen Artikel in einem renommierten Opern-Handbuch geadelt, was noch seltener passiert.

Jetzt wurde das Werk in Köln erstmals aufgeführt, und man erlebte eine in seinen Bestandteilen geradezu mustergültige Produktion: drei Topsänger, ein überaus engagiertes Orchester, ein brillanter Chor und eine Regie, die sich bescheiden in den Dienst des Werkes stellte und dessen dramaturgische Linien sichtbar machte. Und doch ließ die Aufführung den Rezensenten seltsam unberührt, möglicherweise auch Teile des Publikums, wenn man dem höchstens freundlichen, freilich auch von einigen Bravorufen durchsetzten Beifall Glauben schenken mag.

Aber zum Positiven: „L’amour de loin“ gilt als sinfonische Oper. Es ist beindruckend, mit welchen instrumentalen Mitteln die Komponistin aufwartet: riesiges Schlagwerk, Elektronik, Klavier, Harfen, volles Blasorchester, Streicher sowieso. Im Staatenhaus gab es wohl gar keine andere Möglichkeit, als diesen von Constantin Trinks umsichtig geleiteten Klangkörper zentral und sichtbar zu platzieren. Rechts hinten saß der Chor, der eine doppelte Funktion ausübte. Mal verstärkte er das Orchester durch quasi instrumentale Vokalisen, mal greift er kommentierend ins Geschehen ein.

Jedenfalls richteten sich die Blicke des Publikums zuerst auf die Musiker und erst dann auf das Bühnengeschehen, das links in einen hohen Guckkasten verlegt wurde und weiter rechts auf einen stark gewellten Kunststoffboden inmitten der Musiker.

Diese Anordnung passte zum Sujet der Oper. Hier geht es um den Troubadour Jaufré Rudel, der Clémence, eine ihm unbekannte Geliebte im fernen Tripolis bedichtet und besingt. Zwischen beiden vermittelt ein Pilger, der hin und her reist. Am Ende wagt der Troubadour die Reise nach Tripolis, die ihm den Tod bringen wird. Sterbend sinkt er in die Arme von Clémence.

Regisseur Johannes Erath lässt die beiden aber nie wirklich zusammenkommen. Vielmehr agieren die beiden Protagonisten immer mit Doubles, eine Konsequenz aus dem Gedanken, dass es hier um eine fiktionale Liebe geht, zu deren Voraussetzung ein unüberbrückbarer Abstand gehört, was auch der tiefere Gedanke des kongenialen Librettos von Amin Maalouf ist. Nur einmal in Jaufrés Traumsequenz begegnen sich die beiden tatsächlich auf der Bühne und dann noch einmal während einer Generalpause nach seinem bei einem Tanz.

Holger Falk singt den Jaufré als sinnierenden Träumer. Das passt zur Rolle, denn der Troubadour formt seine Leidenschaft in Worte nicht in Emotionen. Dagegen ist Emily Hindrichs als Clémence extrovertierter, singt virtuoser, aber immer in dem von Kaija Saariaho vorgesehenen Deklamationsstil. Dazwischen der Pilger, eine Mezzosopranpartie, den Adriana Bastidas-Gamboa als agilen Wanderer zeigt. Sie hat auch die Hauptnummer des Stücks, nämlich dort, wo sie den Liebesgesang Jaufrés stellvertretend für ihn vor Clémence vorträgt.

In dieser Nummer zeigt sich die Kunst der Komponistin. Man hört durchaus Anklänge an mittelalterliche Musik, aber immer eingebettet in ein fein differenziertes Klangkontinuum. Es ist eine moderne und zugleich fassliche Tonsprache.

Warum nun aber dieser zwiespältige Eindruck, den die Kölner Aufführung hinterlässt? Vielleicht lag es einfach nur daran, dass die drei Personen trotzt aller dramaturgischen Raffinessen immer am Rand blieben. So deklamieren sie Amin Maaloufs schöne Worte wie in der frühen Oper als ein recitar cantando, aber ohne richtig präsent sein zu können. Das Orchester bildet trotz aller sinfonischen Opulenz vor allem einen Klangboden, der, abgesehen von den langen Zwischenspielen, vor allem illustriert, aber die ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Und so blieb das Drama der drei Personen, auch wenn es ein inneres ist, seltsam unbelichtet.

Premiere: 24.10.2021, noch bis zum 13.11.2021

Besetzung:
Jaufré Rudel: Holger Falk
Clémence: Emily Hindrichs
Der Pilger: Adriana Bastidas-Gamboa
Szenische Doubles: Daniel Calladine, Silke Natho

Chor der Oper Köln
Gürzenich-Orchester Köln

Musikalische Leitung: Constantin Trinks
Chorleitung: Rustam Samedov
Inszenierung: Johannes Erath
Bühne: Bernhard Hammer
Kostüme: Katharina Tasch
Video: Bibi Abel
Licht: Nicol Hungsberg
Dramaturgie: Georg Kehren

Stand: 25.10.2021, 09:30