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Corby Welch als Paul in Korngolds „Die tote Stadt“

23.04.2023 – Erich Wolfgang Korngold, „Die tote Stadt“ in Düsseldorf

Stand: 23.04.2023, 09:30 Uhr

Wenn eine Oper einen psychotherapeutischen Ablauf schildern sollte, wäre Korngolds „Die tote Stadt“ das richtige Stück. Seit seine über alles geliebte Marie gestorben ist, leidet Paul unter einem Verlusttrauma, das sich in nekrophilen Anwandlungen zeigt, bei denen er seine Wohnung zu einer Kultstätte für die Verstorbene verwandelt hat. In der Düsseldorfer Inszenierung von Daniel Kramer und dem Bühnenbildner Marg Horwell sieht man nicht nur – wie in Korngolds Szenenanweisung vermerkt – ein Bildnis von Marie und eine Haarsträhne, sondern Paul umgibt sich mit lebensgroßen Puppen, eine ist in seinem Badezimmer aufgestellt, das wie eine blumengeschmückte Wallfahrtskapelle ausgestattet ist.

Inzwischen ist mit Marietta eine reale Person in Pauls Leben getreten, die selbstbewusst um seine Liebe kämpft. Er erliegt er ihren Reizen immer wieder, stößt sie aber auch immer wieder zurück. Als sie mit der Puppe dem Kampf um die Gunst Pauls aufnehmen will, wird sie von ihm mit Maries Haar erwürgt. Er erwacht und merkt, dass er nur geträumt hat, ist geheilt und zieht weg aus der toten Stadt, die in dem Stück als ein marodes Brügge vorgestellt wird.

In der Oper, wie sie von Korngold angelegt ist, merkt man aber erst ganz zum Schluss, dass sich dieser Prozess des Hin- und Herpendelns zwischen lebendiger Leidenschaft und Totenanbetung im Traum ereignet hat. In der Düsseldorfer Produktion hingegen wird das schon in dem Moment klar, als Marie als eine Untote tatsächlich in die Szene tritt. Denn David Hermann lässt auch deren Treue anmahnende Worte von einer anderen Sängerin vortragen, was Mara Guseynova nicht weniger eindringlich tut als Nadja Stefanoff in der Rolle Marietta bis zur ihrem Ausruf am Schluss „Und offenen Augs, Weib gegen Weib“, das von ihr ein Aufbegehren verlangt, wie das einer Isolde bei Wagner.

Auch die Partie des Paul hat die Dimensionen eines Wagnerischen Heldentenors, die Corby Welsh mit nicht nachlassender Kondition und Durchschlagskraft bewältigt. Mariette und Paul sind für Sänger mit dramatischem Potenzial überaus dankbare Rollen mit langen Phrasen in hohen Lagen und fülliger Orchestergrundierung. Genau darin liegt ein merkwürdiger Zwiespalt in der Oper, denn der durchweg emphatische Duktus passt nicht recht zu der psychopathologischen Grundsituation und den Imaginationen Pauls. Bisweilen klingen sogar operettenhafte Töne an wie in dem Walzer-Lied Pierrots, einem Verehrer von Marietta, das von Emmet O’Hanlon in einer morbid-lasziven 20er-Jahre Nachtclubszene hinreißend gesungen wird.

Es mag aber auch an der Art, wie Axel Kober mit den Düsseldorfer Symphonikern diese Musik interpretierte, gelegen haben, dass dieses Changierende, dieser Ton hinter dem Ton nicht hörbar wurde. Im Orchestergraben dominierte meist ein sattes Forte, und wo Korngold eine kleingliedrige polyphone Musik komponiert hat, etwa im Vorspiel zum 3. Akt, wo sich Mahler‘scher Volkston und Strauss’sche Duftigkeit mischen, da klang es oft hölzern und unbeweglich.

Premiere: 16.04.2023, besuchte Vorstellung: 22.04.2023, noch bis 24.06.2023 (Theater Duisburg)

Besetzung:
Paul: Corby Welch
Marietta: Nadja Stefanoff
Marie: Mara Guseynova
Frank/Fritz: Emmett O’Hanlon
Brigitta: Anna Harvey
Juliette: Anna Sophia Theil
Lucienne: Alexandra Yangel
Victorin: Stefan Cifolelli
Graf Albert: Florian Simson
Gaston: Chidozie Nzerem

Chor der Deutschen Oper am Rhein
Düsseldorfer Symphoniker

Musikalische Leitung: Axel Kober
Inszenierung: Daniel Kramer
Bühne und Kostüme Marg Horwell
Licht: Peter Mumford
Chorleitung: Gerhard Michalski
Dramaturgie: Anna Grundmeier