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Hans Gebhardt (Bote), Deniz Yetim (eine Fee), David Danholt (Arindal)

08.10.2023 – Wagner, „Die Feen“ in Meiningen

Stand: 08.10.2023, 09:30 Uhr

Den drei vollendeten Frühwerken von Richard Wagner, „Rienzi“, „Das Liebesverbot“ und „Die Feen“, wird kaum Eigenwert zugemessen. Man betrachtet sie nur unter dem Gesichtspunkt, wieviel darin schon von den 10 kanonisierten Wagner-Opern vom „Fliegenden Holländer“ bis zum „Parsifal“ steckt. Der Dirigent Killian Farrell und die Regisseurin Yona Kim dagegen haben am Staatstheater Meiningen „Die Feen“, die Wagner 1834 im Alter von 21 Jahren vollendete, aus dem geistigen und musikalischen Umfeld der Entstehungszeit heraus betrachtet.

Man befindet sich in der Zeit der Hochromantik, des Vormärz und des Biedermeier: Auf der einen Seite politische Repression nach dem Wiener Kongress, auf der anderen Seite die romantische Sehnsucht nach dem Übernatürlichen und der Natur. Es ist die Zeit, als die deutsche romantische Oper mit Carl Maria von Weber und Heinrich Marschner eine Blütezeit erlebte.

Der junge Wagner vereinigte in den „Feen“ sozusagen möglichst viele romantische Motive auf einmal. Prinz Arindal heiratet die Fee Ada verliert sie aber, weil er das Verbot, sie nach ihrer Herkunft zu befragen, missachtet, und er verliert sie ein zweites Mal, weil er sie verflucht, als er spukhaften Täuschungen erliegt, in denen Ada ihre Kinder scheinbar dem Feuertod preisgibt und sich mit den Feinden verbündet, worauf sie zu Stein erstarrt. Schließlich gewinnt Arindal sie durch seinen steinerweichenden Gesang zurück und entschwindet mit ihr endgültig ins Feenreich. Das Orpheusmotiv, Prüfungsrituale à la „Zauberflöte“, das Frageverbot (das im „Lohengrin“ wiederkehrt und in der Mythologie schon zwischen Semele und Zeus auftaucht) sind hier in einem von Wagner selbst verfassten, ziemlich verquasten Libretto zusammengemengt.

In Meiningen wurden klugerweise die ausschweifenden Dialogszenen deutlich gekürzt und die romantischen Topoi in den Mittelpunkt gerückt, die Täuschungs-und Prüfungsszene, in der der Chor im ganzen Theater verteilt ist und der Raum - unterstützt durch Lichteffekte - in eine Geisterbahn verwandelt wird zu schauerlichen Klängen wie bei Weber in der Wolfsschlucht. Dann die Verzweiflungsarie der Fee Ada, von Lena Kutzner mit hochdramatischem Sopran dargeboten, sowie Arindals Steinerweichungsarie am Schluss, die in kluger Bearbeitung als Klavierlied dargeboten wird. Denn das Ambiente stellt mal das eines bürgerlichen Salons vor mit videoanimierten Landschaftsmalereien wie Caspar David Friedrichs Nebelbild, mal eine Art Krankenanstalt, in der David Danholt den Arindal als einen Rebellen spielt, der das königliche Erbe nicht antreten und in andere Welten fliehen will, dem aber nicht gewachsen ist und als siecher Mensch kaum dem Krankenbett entsteigen kann, das als szenisches Leitmotiv ständig zu sehen ist. - Heute würde man sagen, er leidet an einem Burnout Syndrom. Es gibt aber auch komische Szenen, etwa das kokette Tändeln zwischen dem Diener Gernot (Johannes Schwarz) und der Zofe Drolla (Sara-Maria Saalmann), das an Papagena und Papageno erinnert, wie überhaupt jede Nummer an irgendetwas erinnert.

Der 29 Jahre alte Meininger Generalmusikdirektor Killian Farrell behandelt die einzelnen Nummern mit Sorgfalt wie musikalische Trouvaillen und nicht wie Remakes. Durch die geschickte Kürzungsstrategie kreiert er so etwas wie eine kompakte romantische Oper, getreu einem im Programmheft zitierten Ausspruch des Musikhistorikers Guido Adler: ein Publikum, das Weber und Marschner nicht kennte, würde „Die Feen“ möglichweise für ein „vollgültiges Zeugnis der ersten romantischen Schule“ halten.

Besuchte Vorstellung: 07.10.2023, Premiere: 15.09.2023 noch am 05.11., 12.11.2023 und 08.02.2024

Besetzung:
Der Feenkönig: Selcuk Hakan Tiraşoğlu
Ada, eine Fee: Lena Kutzner
Farzana, eine Fee: Tamta Tarielashvili
Zemina, eine Fee: Deniz Yetim
Arindal, König von Tramond: David Danholt
Lora, seine Schwester: Emma McNairy
Morald, ihr Geliebter: Shin Taniguchi
Gernot, Arindals Freund: Johannes Schwarz
Drolla, Loras Zofe: Sara-Maria Saalmann
Harald, Arindals Feldherr: Mikko Järviluoto
Priester: Raphael Hering
Bote/Groma, ein Zauberer: Hans Gebhardt

Chor und Extrachor des Staatstheaters Meiningen
Meininger Hofkapelle

Musikalische Leitung: Killian Farrell
Regie: Yona Kim
Bühne: Jan Freese
Kostüme: Frank Schönwald
Chor: Roman David Rothenaicher
Dramaturgie: Julia Terwald