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Stephen Gould (Tristan) und Markus Eiche (Kurwenal) in „Tristan und Isolde“ (3. Aufzug)

26.07.2022 – Wagner, „Tristan und Isolde“ in Bayreuth

Stand: 26.07.2022, 09:30 Uhr

Markus Poschner, Dirigenten-Debütant auf dem Grünen Hügel, ansonsten freilich ein erfahrener Wagner-Dirigent in Linz mit seinem Bruckner-Orchester, begann das Vorspiel zu „Tristan und Isolde“ tastend, langsam und gewissermaßen suchend. Das hatte aber nichts mit Unsicherheit im Umgang mit der einzigartigen, aber auch problematischen Akustik im Bayreuther Festspielhaus zu tun, sondern war eine interpretatorische Aussage.

Nicht nur hier kam es Poschner auf ein gliederndes, geradezu rhetorisches Artikulieren und Phrasieren an, mit dem er das Orchester die Sänger begleiten ließ, etwa beim großen Liebesdeutet „O sink hernieder, Nacht der Liebe“ im 2. Aufzug, das zu einem schönen kammermusikalischen Dialog mit den beiden Hauptdarstellern ausgearbeitet wurde.

Etwas Besonders war diese Stelle auch, weil man Catherine Foster und Stephen Gould bei dem, was sie sangen, gut verstehen konnte und so eine Art ekstatisches recitar cantando in fast barocker Sprachgenauigkeit entstand. Denn ansonsten war es um Textverständlichkeit insbesondere bei Catherine Foster als Isolde nicht zum besten bestellt. Sie mag sich dabei auf eine Aussage ihres Regisseurs Roland Schwab berufen haben, der meinte, die endlosen Dialoge im 2. Aufzug, in denen Tristan und Isolde sich gegenseitig ihre Nacht- bzw. Todessehnsucht versichern, könnten auch nur aus „Urlauten“ bestehen. Catherine Foster hat tatsächlich eine bezwingende, mal schneidende, mal betörend strahlende Stimme, mit der sie solche „Urlaute“ transportieren kann. So bündelte sie im 1. Aufzug das Trauma ihrer Entführung durch Tristan zu einem Ausdruck von schreiender Wut oder resignativer Ermattung.

Ihre Begleiterin Brangäne wirkte in der Darstellung von Ekatarina Gubanova nicht als willenlose Helferin, sondern Akteurin und strahlt auch stimmlich eine ähnliche Präsenz wie Catherine Foster aus (bei ebensolcher Textundeutlichkeit).

Trotzdem freut es immer, wenn man wie bei Markus Eiche als Kurwenal oder ganz besonders bei Georg Zeppenfeld als König Marke neben dem Erlebnis des schönen Stimmklangs auch einen Sinn dahinter vermittelt bekommt. Und so war Markes Erschütterung über den Treuebruch Tristans am Ende des 2. Aufzugs fast der Höhepunkt der ganzen Oper.

Stephen Gould als Tristan muss man vor allem für seine Kondition bewundern, die es ihm ermöglichte, in dem stimmlichen Marathon dieser Partie seine Todesvisionen auch noch im 3. Aufzug gewaltig hinauszuschleudern als bewusst eingesetztes Stöhnen und Stammeln. Schön klang das freilich nicht und sollte es vielleicht auch nicht. Insofern ist die Partie des Tristan, weil sie wirklich keine „schönen Stellen“ hat und doch unglaubliche Kraft erfordert, immer auch eine undankbare. Dagegen kann Isolde mit ihrem Schlussgesang „Mild und leise wie er lächelt“ das Publikum in eine wohlige Traurigkeit versetzen, was Catherine Foster auch tat. Dabei wirkte sie aber nicht wir eine sterbende Isolde, sondern wie die Verkünderin einer höheren Weisheit, währenddessen man ein greises Paar nach vorne scheiten sieht, das offenbar im Laufe der drei Aufzüge rasant gealtert ist, denn am Anfang hat der Regisseur noch ein jugendliches Paar in der Szenerie platziert.

Spätestens da begriff man, dass Tristan und Isolde möglicherweise gar nicht das Liebespaar sind, das den Liebestod ersehnt und erleidet, sondern nur Protagonisten einer Idee. Denn schon im zweiten Aufzug während der ekstatischen Gesänge, war man Zuhörer verstört, dass die beiden so ungelenk agierten und nur Bekenntnisse statt Emotionen von sich gaben. Zu diesem dramaturgischen Postulat einer Entpersonalisierung passte dann das unten aufgestellte rote Schild mit dem Wort „ewig“ in Sanskrit, wohl eine Andeutung auf Wagners Vorlieben für indische Schriften.

Solcher Bühnensymbolik diente auch die von Piero Vinciguerra gebaute Einheitsbühne, die nach oben zu einem Oval geöffnet ist, durch das ein Himmel zu sehen ist, der am Anfang heiter bewölkt, dann gewitterwolkig aussieht und später einen Sternenhimmel darstellt. Unten auf dem Bühnenboden entspricht diesem Oval eine Projektionsfläche, die man zunächst als Pool auf dem Sonnendeck eines Schiffes wahrnimmt, der sich dann rot und schließlich schwarzgrau einfärbt oder auch Wasserstrudel oder Schneegestöber abbildet, je nachdem was die Szene gerade erfordert.

Trotz solcher technischen Finessen war die neue Bayreuther Produktion aber ein Abend des Orchesters und der Sänger und wurde entsprechend bejubelt.

Premiere: 25.07.2022

Besetzung:
Tristan: Stephen Gould
König Marke: Georg Zeppenfeld
Isolde: Catherine Foster
Kurwenal: Markus Eiche
Melot: Olafur Sigurdarson
Brangäne: Ekatarina Gubanova

Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele

Musikalische Leitung: Markus Poschner
Inszenierung: Roland Schwab
Bühnenbild: Piero Vinciguerra
Kostüme: Gabriele Rupprecht
Licht: Nicol Hungsberg
Video: Luis August Krawen
Chor: Eberhard Friedrich
Dramaturgie: Christian Schröder