Unser Umgang mit Kriegsnachrichten: Ein ständiger Tinnitus, der verdrängt wird

Stand: 24.05.2022, 15:43 Uhr

Kein Zweifel: Am meisten betroffen vom Ukraine-Krieg sind die Menschen im Kampfgebiet. Doch die Nachrichten über den Krieg greifen auch unsere Psyche an. Eine Studie zeigt jetzt: Viele Menschen in Deutschland setzen auf Verdrängung.

Die Menschen in Deutschland versuchen derzeit, den Krieg in der Ukraine weitgehend zu verdrängen. Das ist das Ergebnis einer tiefenpsychologischen Studie des Kölner "Rheingold"-Instituts, die am Dienstag vorgestellt wurde. Nach einer kollektiven Schockstarre zu Kriegsbeginn Ende Februar werde zurzeit mit allen Kräften versucht, Normalität zu beschwören, sagte der Psychologe Stephan Grünewald, Gründer des Rheingold-Instituts. "Das gelingt aber nur zum Teil. Der Krieg bleibt im Hintergrund immer präsent, vergleichbar mit einem Tinnitus, einem irritierenden Ohrgeräusch", so Grünewald.

Vom "Doomscrolling" zum Nachrichtenboykott

Die Studie, der 130 tiefenpsychologische Interviews zugrunde liegen, hat eine starke Veränderung der Mediennutzung festgestellt. Habe es am Anfang viel "Doomscrolling" gegeben, wo sich die Menschen fast ohne Pause über die Lage informierten und mit vielen belastenden Nachrichten konfrontiert wurden, werde nun eher versucht, die Kriegswirklichkeit aus dem Alltag auszublenden. "Man filtert die Wirklichkeit", sagte Grünewald.

"Quer durch die Milieus haben die Menschen ihr Medienverhalten geändert. Viele boykottieren Nachrichten komplett, andere schauen nur noch Videotext, weil sie da nicht mit Bildern konfrontiert werden." Auch Sendungen wie die "Tagesschau in 100 Sekunden" würden mehr nachgefragt, so Grünewald. "Das ist ein Häppchen-Format, das noch aushaltbar ist." Generell gelte aber: Die Schockstarre vom Anfang des Krieges sei auf Dauer nicht durchzuhalten.

Wie in den 1920ern: Feiern, als ob es kein Morgen gebe

Aber wie bekommen die Menschen ihre Kriegsangst in den Griff? Dafür gebe es laut der Studie verschiedene "Strategien der Alltagsstabilisierung". Die einen gingen demnach ins Fitness-Studio, um sich für die harten Zeiten zu stählen. Die anderen suchten die Geborgenheit der Familie oder des Freundeskreises. Wieder andere geben sich dem Genuss hin auf Konzerten und Festivals und wollten noch besonders viele schöne Momente mitnehmen, bevor vielleicht bald alles vorbei sei. Für Grünewald ist das ein "Tanz auf dem Vulkan". Er sieht Parallelen zu den hedonistischen 1920er Jahren. Laut der Studie haben all diese Formen der Bewältigung etwas gemeinsam: "Sie bringen Stabilität, zollen aber unterschwellig auch der Kriegsrealität ihren Tribut."

Verdrängung führt auf Dauer zu Erschöpfung

Eine Verdrängung, wie sie derzeit viele Menschen praktizierten, sei "seelisch zutiefst anstrengend“ und führe auf Dauer zu Erschöpfung, sagte Grünewald. Natürlich könne man Ängste und Sorgen "wegfeiern", aber die Unbeschwertheit fehle. So beobachteten die Studienmacher eine latente Gereiztheit und Aggressivität bei den Befragten. "Der 'Kriegs-Tinnitus' sorgt für Spannungen, die sich nicht selten in Streit und unversöhnlichen Meinungsverschiedenheiten entladen", so Grünewald.

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