Sexualisierte Gewalt im Sport: "Die Berichte sind erschütternd"

Stand: 27.09.2022, 12:46 Uhr

Eine neue Fallstudie dokumentiert sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in Sportvereinen. Die Leiterin der Studie, Bettina Rulofs von der Sporthochschule Köln, über die Erlebnisse der Betroffenen.

Vor drei Jahren hatte die Aufarbeitungskommission der Bundesregierung Betroffene von sexualisierter Gewalt im Sport dazu aufgerufen, sich zu melden und ihre Geschichten zu erzählen. 114 Personen meldeten sich, 72 der Geschichten wurden aufgeschrieben und analysiert. Die Leiterin der Studie, Sportsoziologin Bettina Rulofs von der Sporthochschule Köln, stellt die Studie im Gespräch mit ARD Morgenmagazin vor:

Was ist die Besonderheit an einer sportlichen Situation, dass es zu solchen Vorfällen kommt?

Sportsoziologin Bettina Rulofs

Sportsoziologin Bettina Rulofs

Bettina Rulofs: Es gibt im Sport besondere Risiken, die es begünstigen können, dass sexualisierte Gewalt passiert - immer vorausgesetzt, dass da jemand ist, der auch die Absicht hat das zu tun. Wir müssen uns dabei eben auch vor Augen führen, dass sexualisierte Gewalt gegen Kinder ja ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, das eben nicht vor den Türen von Sportvereinen Halt macht. Tatsächlich sind im Sport sehr viele Ehrenamtliche unterwegs, die auch tagtäglich sehr viel leisten für den Sport. Diese Ehrenamtlichen werden aber mitunter sehr stark idealisiert. Wenn jemand von diesen Ehrenamtlichen Gewalt gegen Kinder ausübt, dann wird das oftmals übersehen, bagatellisiert und niemand möchte diese Ehrenamtlichen, die sich unentbehrlich machen für ihren Sportverein, anklagen.

Im Leistungssport sind es zum Teil ganz andere Bedingungen, die dazu beitragen, dass hier sexualisierte Gewalt ausgeübt werden kann. Wenn hier beispielsweise starke Macht- oder Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Trainern und Athletinnen und Athleten bestehen, die dann auch ausgenutzt werden können.

Was sind die Ergebnisse der Studie?

Rulofs: Die Berichte der Betroffenen sind erschütternd. Es geht um schwere sexualisierte Gewalt, die Kindern im Sport angetan wurde, häufig in Form von Vergewaltigungen, sexuellen Übergriffen, die mehrfach stattgefunden haben, auch zum Teil über lange Zeiträume. Und die von Erwachsenen in Positionen des Sports, meistens in Sportvereinen zum Beispiel als Trainer, ausgeübt wurde. Diese Gewalterfahrungen belasten die Betroffenen ein Leben lang, sie wiegen sehr schwer.

Was gibt es für Forderungen, die die Situation verbessern können?

Rulofs: Ein sehr bemerkenswertes Ergebnis unserer Studie ist, dass die Betroffenen oftmals nicht wussten, an wen sie sich wenden sollten im Sport, um Hilfe oder Unterstützung zu finden. Wenn sich Betroffene gemeldet haben, dann mussten sie leider im Sport sehr häufig Abwehr, Ablehnung, Bagatellisierung erleben. Und das hat es ihnen nochmals schwerer gemacht über ihre Erfahrung zu reden, sie wurden auf sich selbst zurückgeworfen, zum Teil retraumatisiert. Was die Betroffenen fordern, dass sagen sie auch in ihren Berichten sehr deutlich, dass es unabhängige Ansprechstellen im Sport geben müsse, an die sich Betroffene vertrauensvoll wenden können, die dann aber wieder in den Sport hinein wirken können.

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