Gegen Cyber-Grooming: Apple startet Nacktfoto-Scanner auch in Deutschland

Stand: 28.07.2022, 15:27 Uhr

Apple hat nun auch in Deutschland einen Nacktfoto-Scanner aktiviert: Erkennt ein iPhone, dass Kinder auf ihren iPhones Nacktfotos senden oder empfangen, wird das Kind gewarnt und erhält Hilfsangebote. WDR-Digitalexperte Jörg Schieb erklärt die Hintergründe.

Schon vor einigen Monaten hat Apple diverse neue Funktionen angekündigt, die dem Schutz von Kindern und Jugendlichen dienen – und außerdem die Verbreitung von Darstellungen sexualisierter Gewalt an Kindern eindämmen helfen soll (vor allem im Messenger). Einige dieser Pläne waren und sind heftig umstritten, weil umfangreiche Scans von Fotos im Smartphone und in der Cloud vorgesehen sind.

Eltern können Jugendschutz aktivieren

Doch jetzt hat Apple eine Funktion aus diesem angekündigten Maßnahmenpaket freigeschaltet, die nicht umstritten ist: Eltern können künftig in den Smartphones ihrer Kinder einen besondere Jugendschutz aktivieren – wenn sie wollen.

Empfängt der Nachwuchs über iMessenger (die Nachrichtenfunktion im Apple-Ökosystem) ein Nacktbild, wird das Foto automatisch unscharf geschaltet – und es erscheinen Hilfeangebote für die jungen Nutzerinnen und Nutzer.

Drei iPhones stellen auf den Bildschirmen die Funktion Kidsafe dar mit Warnungen an den Nutzer.

Kinder erhalten auf Wunsch Warnungen, wenn sie Nacktbilder verschicken oder empfangen

Das Kind kann den Kontakt blockieren, jemand anderen informieren (vor allem die Eltern) – oder sich das Bild auf ausdrückliche Bestätigung dann doch anzeigen lassen. Ebenso erhalten die Kinder eine Warnung, wenn sie selbst Nacktbilder versenden wollen.

Das soll verhindern, dass sich junge Menschen dazu überreden lassen, anderen Nacktbilder zu schicken (was viel zu häufig vorkommt). Eine Maßnahme gegen das gefürchtete Cyber-Grooming.

Für Entwickler ab sofort, für den Rest ab Herbst

Die neue Funktion steht prinzipiell ab sofort zur Verfügung, im Rahmen der sogenannten "Familienfreigabe". Das ist jener Bereich, in dem Eltern ohnehin einstellen können, was ihre Kinder dürfen und was nicht (etwa, welche Apps sie laden dürfen und wie viel Nutzungszeit zur Verfügung eingeräumt wird).

Ein Mädchen wird auf einem Handybildschirm an den Schultern gefasst.

Die neuen Funktionen in Apples Betriebssystemen sollen dem Cyber-Grooming vorbeugen

Die neue Funktion wird in iOS16, iPadOS16 und MacOS Ventura angeboten – derzeit aber nur in den Betaversionen, die im Augenblick nur Entwicklern zur Verfügung steht. Erst in einigen Wochen gibt es allgemein zugängliche Betaversionen. Für die Allgemeinheit kommt die neue Version im Herbst.

Diskret: Client Side Scan

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Die Eltern werden über einzelne Ereignisse nicht automatisch informiert. Die Scans erfolgen im Gerät selbst, was "Client Side Scan" genannt wird. Apple bekommt davon nichts mit. Was genau "Nacktheit" bedeutet, ist nicht genau definiert. Ein Foto im Badeanzug scheint nicht auszureichen, die Darstellung von Genitalien aber schon.

Die Schutzfunktion bezieht sich zunächst aber ausschließlich auf den Nachrichtendienst iMessenger. Sollten Kinder oder Jugendliche andere Kommunikationskanäle nutzen, etwa WhatsApp, Instagram oder Telegram, greift die Schutzfunktion nicht. Der Wirkungsgrad des neuen Jugendschutzes ist also stark eingeschränkt.

Widerstand gegen umfangreichere Scans

Vor einigen Monaten hatte Apple ein deutlich größeres Paket angekündigt, das auch Scans auf den Geräten und in der Cloud vorsieht – nicht nur, um Kinder und Jugendliche zu schützen. Doch der Verstoß hat reichlich Widerstand bei Bürgerrechtlern und Datenschützern erzeugt, die unzumutbare Eingriffe in die Privatsphäre befürchten. Apple hat die Pläne danach eingestellt.

Selbst in der EU wurde zuletzt über geeignete Mittel zur Bekämpfung der Verbreitung von Bildern sexualisierter Gewalt an Kindern diskutiert, darunter auch Chat-Scans auf allen Geräten und in allen relevanten Diensten. Zwar hat auch dieser Vorstoß heftigen Protest ausgelöst. Es wäre aber denkbar, dass Unternehmen wie Apple, Google oder Microsoft künftig gezwungen sind, mehr zu kontrollieren.

Über den Autor

Jörg Schieb, WDR-Digitalexperte.

Jörg Schieb, Jahrgang 1964, ist WDR-Digitalexperte und Autor von 130 Fachbüchern und Ratgebern. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Digitalisierung und deren Auswirkungen auf unseren Alltag.

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