Ölaustritt in Shell-Raffinerie: Probleme jahrelang ignoriert?

Ölaustritt in Shell-Raffinerie: Probleme jahrelang ignoriert?

Von Daniela Becker und Marc Steinhäuser

Auf dem Gelände der Kölner Shell-Raffinerie sind rund 300 Tonnen Gasöl ins Grundwasser geflossen. Westpol-Recherchen zeigen: Viele Probleme sind intern schon früher aufgefallen als bislang bekannt.

Vertrauliche Prüfberichte, die dem WDR-Magazin Westpol vorliegen, offenbaren zahlreiche Mängel in früheren Jahren an der Shell-Ölleitung, die in diesem Sommer Schlagzeilen wegen einer Grundwasser-Verseuchung im Kölner Süden gemacht hat.

Demnach hielten Prüfer bereits 2017 und 2018 diverse Mängel fest: Ungesicherte Armaturen, schwingende Rohre und Produktreste auf der 60 Jahre alten Leitung. Ein Rohrteil soll im Erdreich gelegen haben, so halten es Prüfer fest.

Behörde und Konzern bestätigen frühere Mängel

Auf Westpol-Anfrage bestätigen die Shell Rheinland Raffinerie sowie die Bezirksregierung Köln Mängel ab 2017. Sie hätten jedoch nicht die spätere Leckagestelle betroffen, sagt die Bezirksregierung. Nach Angaben von Shell sind die Probleme behoben worden. Bei einer Nachprüfung sei die Leitung mängelfrei abgenommen worden.

Shell-Raffinerie in Wesseling

Shell betont: alle Mängel seien behoben worden

Ein erneuter Ölaustritt auf dem Raffinerie-Gelände sorgte im Sommer 2020 für große Sorgen bei Anwohnern - und weckte Erinnerungen an einen Vorfall aus dem Jahr 2012. Damals sickerten bei Shell in Wesseling mehr als eine Million Liter Kerosin ins Erdreich.

Doch diesmal wollte Shell demonstrieren, dass man dazugelernt hat: Das Unternehmen informierte im Netz über die Sanierung, setzte einen Gutachter ein, versprach Transparenz. Und gab an, das Rohr unter einer Werksstraße sei lediglich "bei unsachgemäßen Bauarbeiten beschädigt" worden. War die Leitung also ansonsten in Ordnung?

Leckage bei Shell schon deutlich früher festgestellt

Die Prüfberichte vermitteln ein anderen Bild: Auch der Ölaustritt ins Grundwasser dürfte deutlich früher begonnen haben, als Shell es bisher suggeriert. Der Konzern verweist in der Öffentlichkeit stets darauf, ein "Produktaustritt" sei im August 2019 festgestellt worden und die Leitung dann stillgelegt worden.

Doch wie lange floss das Gasöl wirklich ins Grundwasser? Neue Unterlagen, die Westpol vorliegen, legen einen früheren Ölaustritt nahe. Demnach hielten Prüfer bereits rund ein halbes Jahr früher, im März 2019, eine "Leckage wegen Außenkorrosion" fest. Auf WDR-Anfrage räumt Shell dies ein und gibt an, diese Leckage sei ebenfalls der Bezirksregierung gemeldet worden.

Shell betont, jeder Prüfbericht werde an die Bezirksregierung gesendet. Man habe zudem im März 2019 die Leitung repariert und geprüft. Paul Kröfges, Gewässerschutzexperte beim Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND), sieht sich von Shell falsch informiert. Im WDR-Interview spricht er von einem "unerhörten Skandal" und einer "Hintergehung der Öffentlichkeit."

Ausnahmeregelungen für Shell bis zum Jahr 2034?

Doch wie genau wird überhaupt geprüft? Und welche Standards galten für das betreffende Rohr? Die Bezirksregierung Köln als Aufsichtsbehörde soll laut den Westpol vorliegenden Prüfberichten noch im Januar 2020 eine fehlende Anlagendokumentation zu der Rohrleitung nicht bemängelt haben – obwohl diese Unterlagen eigentlich gesetzlich vorgeschrieben sind.

Inzwischen liege die Dokumentation vor, betont die Bezirksregierung gegenüber dem WDR. Weitere Antworten liefert die Behörde zu der Frage nicht.

Auch die unterirdischen, einwandigen Rohrleitungen entsprachen laut internem Prüfbericht im Januar 2020 "nicht den Vorgaben der Verordnung." Doch dringenden Handlungsbedarf sahen die Behörden offenbar nicht. Noch bis ins Jahr 2034 wolle man Shell Zeit geben, die Rohre oberirdisch zu verlegen – und dürfte vorher wohl nicht einschreiten.

Stand: 15.11.2020, 10:00