Notärztin: Klimaprotest hat Behandlung von Berliner Unfallopfer nicht verzögert

Stand: 04.11.2022, 15:03 Uhr

Kam für eine Radfahrerin in Berlin nach einem Unfall die Hilfe der Rettungskräfte durch Klimaproteste zu spät? Laut einem Medienbericht sieht die Berliner Feuerwehr das anders. Was wir wissen und was nicht.

Von Frank Menke

Am Montag war eine Radfahrerin in Berlin-Wilmersdorf von einem Betonmischer überrollt worden. Der Fall sorgt bundesweit für Aufsehen, weil Klimaaktivisten der Gruppe "Letzte Generation" in Verdacht gerieten, mit einer Blockade-Aktion den Einsatz eines Spezialrettungsfahrzeugs behindert zu haben. Am Freitag kam nun heraus: Die Feuerwehr widerspricht dieser Darstellung und verweist dabei auf eine Entscheidung der Notärztin. So berichtet es die "Süddeutsche Zeitung" und zitiert aus dem internen Vermerk der Feuerwehr. Fragen und Antworten:

Was ist aus der Radfahrerin geworden?

"Die 44-jährige Radfahrerin, die am vergangenen Montag bei einem Verkehrsunfall in Wilmersdorf lebensgefährlich verletzt wurde, ist heute Vormittag in einem Krankenhaus für hirntot erklärt worden", teilte die Berliner Polizei am Donnerstagnachmittag mit. Am Abend sei sie dann gestorben, bestätigte die Polizei am Freitag dem WDR.

Was ist bei dem Unfall passiert?

Das kaputte Fahrrad liegt auf dem Boden. Die Stelle auf der Straße wurde mit Sperrband abgesichtert und ein Polizeiauto steht an der Seite.

Unfallstelle des Radunfalls

Laut Berliner Polizei erfasste der Betonmischer die Radfahrerin am Montag gegen 8.20 Uhr auf der Bundesallee in Wilmersdorf. Sie stürzte auf die Fahrbahn und wurde von dem Lkw überrollt.

Wer trägt Schuld an dem Unfall?

Das wird zurzeit noch ermittelt und mit schnellen Ergebnissen ist nicht zu rechnen. "Es gibt sehr viele Akteure, die an der Klärung beteiligt sind, Gutachter etwa", sagte eine Sprecherin der Berliner Polizei dem WDR.

Was sollen die Klimaaktivisten mit dem Unfall zu tun haben?

Wie der Berliner "Tagesspiegel" berichtete, waren am Montagmorgen gegen 7.20 Uhr Klimaaktivisten der Gruppe "Letzte Generation" auf ein Schild an der A100 am Dreieck Funkturm geklettert, der einige Kilometer vom Unfallort entfernt liegt. Die Polizei sperrte zwei der drei Fahrstreifen, was den normalen Stau im Berufsverkehr verstärkt haben soll.

Als sich ein Spezialrüstwagen der Berliner Feuerwehr mit hydraulischen Hebesystemen von der Wache Charlottenburg-Nord aufmachte, um die Radfahrerin zu bergen, blieb er im dichten Verkehr stecken. Statt wie bei freier Fahrt in 19 Minuten, kam er sieben bis neun Minuten später an. Die Radfahrerin war inzwischen dennoch befreit worden und wurde auf eine Intensivstation in ein Krankenhaus gebracht.

Haben die Klimaaktivisten den Rettungseinsatz behindert?

So lautete ein anfänglicher Verdacht. Nach dem internen Vermerk der Berliner Feuerwehr, aus dem die "Süddeutsche Zeitung" zitiert, wäre der Spezialwagen allerdings gar nicht zum Einsatz gekommen - selbst wenn er rechtzeitig an der Unfallstelle gewesen wäre.

Die behandelnde Notärztin erklärte demnach, dass es zu gefährlich gewesen wäre, den Betonmischer mit technischem Gerät anzuheben. Sie habe sich demnach dafür entschieden, den Betonmischer mit eigener Motorkraft zu bewegen, um das eingeklemmte Unfallopfer zu befreien.

"Die richtige Vorgehensweise" Aus dem Vermerk der Feuerwehr

Selbst wenn "mit Rüstwagen oder Kran andere technische Möglichkeiten zur Verfügung gestanden hätten, war dies die richtige Vorgehensweise". Die Notärztin habe "klar geäußert, dass sie sich auch bei der Verfügbarkeit von anderen technischen Möglichkeiten durch Rüstwagen oder Kran sofort für diese Methode entschieden hätte", heißt es laut Bericht in dem Vermerk weiter.

Dennoch wird weiterhin gegen zwei Aktivisten, 59 und 63 Jahre alt, ermittelt. "Nach Paragraf 323c des Strafgesetzbuches wegen Behinderung von hilfeleistenden Personen", sagte eine Berliner Polizeisprecherin dem WDR.

Wie reagiert die "Letzte Generation" auf den Tod der Radfahrerin?

Die Gruppe twitterte am Donnerstag: "Dass die Radfahrerin, die am Montag in Berlin bei einem Unfall von einem Betonmischer verletzt wurde, nun für hirntot erklärt wurde, trifft uns tief."

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In einer Stellungnahme zu dem Berliner Unfall hatte die Gruppe eingeräumt, dass man "nicht ausschließen" könne, "dass die Verspätung des Rüstwagens auf einen durch uns verursachten Stau zurückzuführen ist".

Eine Aktivistin betonten darüber hinaus, "immer und wirklich ausnahmslos" eine Rettungsgasse zu lassen. Das allerdings ist im vorliegenden Fall nicht der Vorwurf gegen ihre Aktion.

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In einem weiteren Statement gingen Vertreter der "Letzten Generation" am Freitag in die Offensive. Man sei mit einer "Welle der Vorwürfe, Unwahrheiten und Hetze" konfrontiert, heißt es darin. Die Medien hätten den Vorfall in Berlin "fiktiv auf(ge)bauscht und damit demokratischen Protest in einer Krisensituation delegitimiert".

Wie geht es dem Fahrer des Betonmischers?

Über den psychischen Zustand des 64-Jährigen lässt sich nur spekulieren. Aus dem Krankenhaus ist er inzwischen entlassen worden. Dorthin war er gekommen, weil ihn laut Polizei am Unfallort ein 48-Jähriger aus dem Obdachlosenmilieu mit einem Messer attackiert hatte.

"Er wurde am Donnerstag einem Richter vorgeführt. Es gibt entweder einen Haftbefehl oder einen Unterbringungsbeschluss", sagte die Berliner Polizeisprecherin dem WDR. Untergebracht wird der Mann in einer Klinik, wenn sich Hinweise auf eine psychische Erkrankung erhärten sollten.

Über dieses Thema berichten wir auch im WDR Fernsehen in der Aktuellen Stunde am 03.11.2022.

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