9. April 1880 - Patent für den ersten Brutkasten

Baby in einem Brutkasten

Stichtag

9. April 1880 - Patent für den ersten Brutkasten

Der Kinderarzt Etienne Stéphane Tarnier besucht 1878 eine Ausstellung von Brutkästen für Vogeleier im zoologischen Garten von Paris. Schon seit der Antike stellen solche Boxen die Wärme sicher, die der Vogelnachwuchs zum Wachsen braucht. Beim Menschen ist es ähnlich, weiß Tarnier aus seiner täglichen Arbeit auf einer Entbindungsstation. Zu früh geborene Säuglinge brauchen es mollig, damit sie gedeihen. Warum sollte nicht auch den Menschen helfen, was den Vögeln nützt? Der Arzt gibt einen Brutkasten für Babys in Auftrag.

Ein paar Wochen später bringt der Techniker des Zoos seine erste Wärmebox für Menschen zu Tarnier in die Klinik. Allerdings fehlt diesem ersten Brutkasten noch Konstanz in der Wärmezufuhr, die später mit ständig geheiztem Wasser, das unter dem Kasten entlang läuft, sichergestellt wird. Und obwohl dieser eiserne Apparat mit Glasdeckel für heutige Verhältnisse ungemein rudimentär aussieht - mit seinem Einsatz reduziert sich die Sterblichkeitsrate von zu früh Geborenen um die Hälfte. Am 9. April 1880 wird der Brutkasten zum Patent angemeldet.

Wärme und Feuchtigkeit für die Kleinsten

Geht es den Ärzten Ende des 19.Jahrhunderts vor allem um die Wärme für die Kleinen, rückt im Laufe der Zeit auch der Flüssigkeitsverlust in den Fokus: Zunächst wissen sich die Mediziner nicht anders zu helfen, als einen feuchten Schwamm neben das Baby zu legen. Doch die Frühgeborenen werden immer jünger, stellen die Medizintechniker vor immer neue Herausforderungen."Die Haut eines extrem Frühgeborenen von beispielsweise 500 Gramm ist in der Regel zu dünn, sodass darüber ganz viel Flüssigkeit verloren geht", sagt Dr. Marc Hoppenz vom Krankenhaus in Köln-Holweide.

Und die Mediziner gewinnen ständig neue Erkenntnisse hinzu. Noch vor zehn Jahren lief die Versorgung mit Sauerstoff und Feuchtigkeit per Schlauch. Die Kinder wurden intubiert. Das hat viele Probleme mit Spätschäden ausgelöst, weil beispielsweise die Lungen verletzt wurden. "Heute wissen wir, dass Beatmung lebensrettend ist, aber Beatmung eine sehr unreife Lunge auch schädigen kann", erklärt Hoppenz. Deshalb geben die Ärzte meist nur eine sogenannte Atemhilfe, einen Stöpsel für jedes Nasenloch, die einen kontinuierlichen Luftstrom abgeben. Für ausreichend Feuchtigkeit muss der Brutkasten sorgen.

Wann ist ein Mini-Mensch lebensfähig?

Aus der eisernen Kiste von Tarnier ist ein moderner Inkubator geworden, der ein optimales Mikroklima für die Kleinsten schafft. Moderne Frühchen-Stationen gleichen einem Hightech-Labor: Rund um die gläsernen Kästen blinkt und piepst es. Monitore überwachen das junge Leben. Perfusoren – kleine Computer, an denen Spritzen und Schläuche angehängt sind - führen den Mini-Babys in kleinsten Dosierungen Medikamente zu. Die meisten Frühchen auf der Station von Hoppenz wären in gar nicht in die ersten Pariser Brutkästen gelegt worden. Damals gelten sie noch nicht als Mensch, weil sie mit ihren wenigen Hundert Gramm nach Ansicht der Mediziner viel zu klein und viel zu unreif sind.

Und dieses Denken hat sich über Jahrzehnte gehalten. Richtlinien geben lange vor, ab welcher Schwangerschaftswoche oder Geburtsgewicht die Kleinen "lebensreif" sind. Heute ist das anders – die Ärzte schauen noch mehr auf die Kinder, weniger auf Richtlinien. Frühchen mit weniger als 300 Gramm Geburtsgewicht können eine Chance erhalten. Die Entscheidung, ob eine Maximalversorgung Sinn macht, treffen Eltern und Ärzte gemeinsam. Trotzdem hadern die Betroffenen immer mit der Frage: Was ist gut für das Kind? Gelingt das Leben oder quält man die Mini-Säuglinge?

Stand: 09.04.2015

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