16. Dezember 2009 - Griechenlands Kreditwürdigkeit wird herabgestuft

 Eine griechische Euromünze

Stichtag

16. Dezember 2009 - Griechenlands Kreditwürdigkeit wird herabgestuft

Ausgerechnet im Hafen von Kastelorizo, einem Inselidyll in der Südägäis, verkündet der griechische Ministerpräsident Georgios Papandreou am 23. April 2010 die wohl einschneidendste Entscheidung in der jüngsten Geschichte des Landes. Er bittet die anderen Euroländer um finanzielle Hilfe. "Die Not gebietet uns – auch aus nationalem Interesse – ganz offiziell von unseren Partnern in der EU die Aktivierung des Hilfsmechanismus zu verlangen, den wir gemeinsam geschaffen haben", sagt Papandreou. Über Wochen ist der Druck an den Finanzmärkten gestiegen. Am Ende sind die Risikoaufschläge für die Staatsanleihen so hoch, dass Griechenland vor der Pleite steht.

Neuverschuldung liegt doppelt so hoch

Bereits im Oktober 2009 ist abzusehen, dass Griechenland schwere Zeiten bevorstehen. Die Neuverschuldung liegt mit fast 13 Prozent der Wirtschaftsleistung bei einem europäischen Rekordwert. Am 7. Dezember 2009 stuft die Ratingagentur Fitch die Kreditwürdigkeit Griechenlands auf BBB+ herab. Am 16. Dezember 2009 verkündet der Rating-Marktführer Standard & Poor's denselben Schritt. Und auch Moody's, die dritte der einflussreichen US-amerikanischen Ratingagenturen, zieht kurze Zeit später nach. Was die Herabstufung auslösen wird, ahnt noch keiner.

"Das Ausmaß der Krise haben in der Tat alle unterschätzt, ob in Griechenland oder in anderen europäischen Staaten. Aber wir haben auch die Datierung der Krise falsch eingeschätzt: Sie begann viel früher, bereits in den sogenannten guten Jahren", erklärt der Wirtschaftswissenschaftler Jens Bastian, der seit vielen Jahren in Griechenland lebt und arbeitet. Der entscheidende Fehler sei der Beitritt Griechenlands zum Euro im Jahr 2001 gewesen. Doch die anderen Euroländer hätten die schwache Wirtschaftsleistung des Landes ignoriert.

Fast jeder Grieche spürt die Krise schmerzhaft

Im Jahr 2010 wird Griechenland mit dem Beschluss des ersten Rettungspakets in Höhe von 110 Milliarden Euro unter Dauerkontrolle gestellt. Alle drei Monate reist die sogenannte Troika nach Athen. Die Experten von EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds kontrollieren die Fortschritte beim Sparen und bei den beschlossenen Reformen – regelmäßig begleitet von Großdemonstrationen. Fast jeder Grieche spürt die Krise schmerzhaft.

"Wir wussten, dass wir eine Menge Reformen brauchten. Wir wussten, dass das politische System versagt hatte, das Land zu reformieren. Aber konnten wir tatsächlich annehmen, dass Reformen, die 30 Jahre lang versäumt wurden, in drei Jahren stattfinden könnten?", kritisiert Anna Diamantopoulou, Gründerin des kleinen Forschungsinstituts "to diktio", auf Deutsch das Netz, die hohen Erwartungen an Griechenland. Durch das knallharte Sparen bricht die Wirtschaft massiv ein. Die Arbeitslosigkeit steigt auf über 25 Prozent.

Die Investoren bleiben nervös

Ein zweites Rettungsprogramm für Griechenland wird im März 2012 aufgelegt, zum ersten Mal verzichten auch die privaten Inhaber von Staatsanleihen auf einen Großteil ihres Geldes. Der konservative Ministerpräsident Antonis Samaras kündigt an, danach ohne internationale Finanzhilfen auszukommen. Er will die lästigen Kontrollen der Troika beenden – und verkauft Griechenland als Musterbeispiel für einen gelungenen Neuanfang. Aber die Investoren sind nach wie vor nervös: Seine Pläne lösen einen Kurssturz an der Athener Börse aus.

Inzwischen ist die Kreditwürdigkeit Griechenlands, die zu den schlimmsten Zeiten bei C oder sogbar der Bewertung "Zahlungsausfall" lag, leicht gestiegen. Vier Jahre nach der De-facto-Pleite kehrt das Land im April 2014 an den Kapitalmarkt zurück. Investoren verleihen wieder Geld. Daraufhin vergeben die Ratingagenturen Standard & Poor's und Fitch immerhin die Note B. Das heißt: Die Bewertung bleibt im spekulativen Bereich, liegt aber nicht mehr auf dem früheren Ramschniveau.

Stand: 16.12.2014

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