4. Dezember 1964 - Gründung der Stiftung Warentest

Bundeswirtschaftsminister Kurt Schmücker bei Überreichen der Siftungsurkunde

Stichtag

4. Dezember 1964 - Gründung der Stiftung Warentest

Würde die Stiftung Warentest politische Parteien unter die Lupe nehmen, dann wäre unsere Republik morgen eine Monarchie. So lästert der Satiriker Hans Zippert über das enorme Vertrauen, das Deutschlands bekannteste Stiftung bei Otto-Normalverbraucher genießt.

Daran wird wohl auch die Klage nichts ändern, die die Stiftung ausgerechnet in ihrem Jubiläumsjahr gegen den Schokoladenhersteller Ritter Sport verloren hat. Laut Gerichtsurteil lagen die gestrengen Prüfer daneben mit ihrer Behauptung, Ritter verwende falsch deklarierte Aromen. Schadenersatz muss die Stiftung Warentest aber nicht zahlen – so wie noch nie in ihrer 50-jährigen Geschichte.  

Wegweiser durch den Waren-Dschungel

Die Gründung der unabhängigen Stiftung geht zurück auf eine Initiative Konrad Adenauers Anfang der 1960er-Jahre. Der Bundeskanzler will den Konsumenten einen "Wegweiser" durch den wachsenden Waren-Dschungel an die Hand geben. Doch erst Adenauers Nachfolger Ludwig Erhard setzt das Vorhaben in die Tat um – gegen heftige Widerstände der Industrie, die behauptet, der Verbraucher "werde durch Werbung in ausreichendem Maße unterrichtet".

Das zweifelhafte Eigenlob kommt bei Erhard schlecht an: "Die sollen spüren, dass sie es nicht mit einer fühllosen Masse zu tun haben, sondern mit bewusst gewordenen Verbrauchern." Am 4. Dezember 1964 wird die Stiftung Warentest gegründet, um "Verbraucher über objektiv feststellbare Merkmale des Nutz- und Gebrauchswertes überregional angebotener Waren zu unterrichten". Eigenes Kapital erhält die Stiftung nicht, sie finanziert sich aus dem Verkauf der Zeitschrift "Test" und Zuschüssen des Bundes. 15 Monate dauert es, die in ihrer Art einzigartige Organisation aufzubauen sowie Prüfkriterien und -methoden zu entwickeln. Die ersten Testobjekte im März 1966 sind Handrührgeräte und Nähmaschinen.

Matratzen in der Klimakammer

Mehr als 5.400 Testreihen haben die Konsum-Checker der Nation seither durchgeführt und dabei über 90.000 Konsumartikel unter die Lupe genommen. Die Testobjekte kaufen sie unerkannt im Handel, um Einflussnahmen der Unternehmen zu verhindern. Für die ist eine gute Note Gold wert in der Werbung, eine schlechte Bewertung dagegen drückt gewaltig auf den Umsatz oder bedeutet das Aus für eine Marke, wie 2004 die Schauspielerin und Kosmetikunternehmerin Uschi Glas erfährt. Den Test ihrer per Teleshopping vertriebenen "Hautnah Face Cream" brachen über 20 Prozent der Probanden ab, weil sie unter Pusteln und schweren Hauterkrankungen litten. Das von Uschi Glas empört angerufene Gericht bestätigt das Urteil der Stiftung Warentest in vollem Umfang.

Einfallsreichtum und Geduld sind nötig, um im Labor die Alltagsbelastungen für jedes Produkt zu simulieren. Etwa beim Matratzen-Dauertest, seit Jahrzehnten einer der meistbeachteten Tests. "Das ist eine 140 Kilogramm schwere Walze. Die rollt in einer Klimakammer bei 80 Prozent Luftfeuchtigkeit 30.000 mal hin und her", erklärt Projektleiter Hans-Peter Brix. "Dann kann sich schon nach vier, fünf Monaten eine Kuhle bilden, und das will ja keiner." Um die Zukunft der Warentester angesichts unzähliger Bewertungsportale im Internet macht sich Stiftungs-Chef Hubertus Primus keine Sorgen. 80 Prozent der Deutschen wollen auf die Stiftung Warentest nicht verzichten und geben ihr die Note "gut" oder "sehr gut" – selbst wenn sich die Prüfer gerade an einer Nussschokolade mal die Zähne ausgebissen haben.

Stand: 04.12.2014

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