Der 52jährige Geheimdienst-Leutnant Hiroo Onoda wird am 12. März 1974 auf dem Flughafen von Tokio von seinen Eltern begrüßt

Stichtag

9. März 1974 - Leutnant Hiroo Onoda ergibt sich 29 Jahre zu spät

Ein japanischer Student will 1974 drei große Dinge tun: Den Yeti suchen, einen Panda finden und - den Soldaten Hiroo Onoda zur Kapitulation überreden. Denn fast 30 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kämpft der japanische Leutnant immer noch im philippinischen Dschungel für seinen Kaiser.

Der 1922 geborene Onoda ist in einer Lehrer-Familie aufgewachsen. Die Vorfahren der Mutter waren Samurai-Krieger. Das wirkt sich auf die Erziehung aus: Als er mit sechs Jahren einen Freund mit dem Messer attackiert, verlangt seine Mutter von ihm zunächst, sich selbst umzubringen. Während des Zweiten Weltkriegs wird der 20-Jährige in Guerilla-Taktik ausgebildet - und landet mit 250 Rekruten auf der philippinischen Insel Lubang, um die dort stationierten Amerikaner zu bekämpfen. "Ich war auf dem Weg in eine verlorene Schlacht", erinnert sich Onoda später. "Ich dachte nicht, dass ich da lebend wieder rauskomme."

Terror gegen die Zivilbevölkerung

Onodas Auftrag lautet: sich vom Feind überrollen lassen und anschließend einen Guerillakrieg anzetteln. Doch der Widerstand gegen die amerikanische Übermacht ist zwecklos. Die meisten japanischen Rekruten fallen oder ergeben sich. Onoda will jedoch seinem Befehl gehorchen und schlägt sich mit drei Kameraden in den Urwald. Nach Kriegsende werden immer wieder Flugblätter abgeworfen. Die versprengten Soldaten sollten sich ergeben. Onoda glaubt jedoch an einen Trick: "Wir waren der festen Überzeugung, dass das alles eine Finte der Amerikaner war."

Einer von Onodas Untergebenen setzt sich nach ein paar Jahren ab und berichtet über die Kampfzelle, die sich im Dschungel eingerichtet hat und die Insel mit Terror überzieht. "Ich wollte ein eigenes Territorium", so Onoda später. "Also mussten wir den Einheimischen eine Lektion erteilen. Sie sollten uns fürchten lernen." Von den Einheimischen wird er als "König der Berge" bezeichnet. Onoda und seine Kameraden treten immer brutaler auf. Sie zünden Häuser an, stecken Reisfelder in Brand und zerstückeln wehrlose Bauern mit Macheten. "Die Einheimischen behaupten, dass ich mehr als 50 Menschen getötet habe. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass es so viele waren."

Gehorcht schließlich Kapitulationsbefehl

Ab 1972 ist Onoda allein. Sein letzter Kamerad ist bei einem Feuergefecht mit der philippinischen Polizei getötet worden. Als dann der japanische Student mit einem Megafon nach ihm sucht, tritt Onoda aus der Deckung. "Zwei Wochen später reiste mein Kommandeur nach Lubang und las mir den offiziellen Kapitulationsbefehl vor." Diesem habe er gehorchen müssen, so Onoda. "Ob es mir gefiel oder nicht: Es war ja nicht mehr Krieg." Am 9. März 1974 ergibt sich der Leutnant.

Auf den Philippinen wird Hiroo Onoda begnadigt, bei seiner Ankunft in Japan wird er von rund 4.000 Menschen empfangen und als Held gefeiert - trotz der vielen Toten. Der ehemalige Kämpfer zieht nach Brasilien und züchtet Rinder. Er ist aber häufig in Japan und gründet dort eine politisch rechtslastige "Naturschule". Onodas Buch wird ein Bestseller: ein Bericht, in dem er seinen fast 30-jährigen Terror gegen die Zivilbevölkerung der philippinischen Insel zum Kampf für Japan stilisiert. "Ich bereue nichts, was ich getan habe." Hiroo Onoda stirbt am 16. Januar 2014 im Alter von 91 Jahren in Tokio.

Stand: 09.03.2014

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