10. November 1912 - Einführung des Deutschen Sportabzeichens

Drei Goldene Sportabzeichen der höchsten Kategorie

Stichtag

10. November 1912 - Einführung des Deutschen Sportabzeichens

Mit modernsten Kraftmaschinen, Laufbändern und Indoor-Rädern oder Kursen für Yoga und Pilates profitieren zahllose Studios vom Fitness-Bedürfnis der Deutschen. Viele Menschen ziehen es jedoch vor, sich ganz ohne Lifestyle-Ambiente in Form zu halten, mit traditionellen Sportarten wie 100-Meter-Lauf und Weitsprung, Radfahren, Turnen oder Schwimmen.

Solche Freizeitathleten erhalten als Belohnung und sichtbaren Beweis für Trainingsfleiß das Deutsche Sportabzeichen. Verliehen wird der kleine Anstecker samt Urkunde vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Jährlich rund eine Million Deutsche können die exakt festgelegten Leistungsanforderungen erfüllen, um das Sportabzeichen in Bronze, Silber oder gar Gold zu erwerben. Die Geschichte der Olympia-Medaillen für Otto Normalsportler beginnt vor 100 Jahren in Schweden.

Turner gegen Wettkampf-Sport

Im Jahr 1912 reist Carl Diem, Chef der "Deutschen Sportbehörde für Athletik" zu den Olympischen Spielen nach Stockholm. Dort lernt der Sportfunktionär die Idrottsmärke, Schwedens Sportabzeichen, kennen. "Die Schweden hatten sich zum Ziel gesetzt, die Bevölkerung mit diesem Abzeichen breitensportlich zu fördern und herauszufordern", weiß der Historiker Ansgar Molzberger von der Sporthochschule Köln. Diem ist so begeistert von der Idee der Idrottsmärke, dass er den Reichsausschuss für Olympische Spiele überzeugt, auch deutsche Amateursportler auf diese Weise anzuspornen.

Die Einführung der "Auszeichnung für vielseitige Leistungen auf dem Gebiet der Leibesübung" und die Bedingungen zu ihrer Erlangung werden am 10. November 1912 beschlossen. Mit dem etwas umständlichen Namen will man vermeiden, die seit Jahrzehnten etablierte Turnbewegung zu brüskieren. In deren Kreisen ist sportlicher Wettkampf als "englische Krankheit" verpönt.

Anfangs dürfen sich nur Männer der "Leistungsprüfung auf Herz- und Lungenkraft, auf Spannkraft sowie den Besitz von Körperfertigkeit, Schnelligkeit und Ausdauer" stellen – ohne eine altersgemäße Staffelung. Die ersten Auszeichnungen für Breitensportler werden am 7. September 1913 verliehen, aus nationalistischen Gründen aber auf den symbolträchtigen 1. September datiert, den Jahrestag des Sieges über Frankreich in der Schlacht von Sedan 1870. Von 1921 an dürfen auch Frauen zum nun in "Deutsches Turn- und Sportabzeichen" umbenannten Leistungsbeweis antreten.

Diem und das Dritte Reich

Im Nationalsozialismus passt die zum Reichssportabzeichen umfirmierte Auszeichnung hervorragend zur Ideologie einer gestählten germanischen Volksgesundheit. Mit tatkräftiger propagandistischer Unterstützung von Carl Diem avanciert sie sogar zum Ehrenzeichen im Ordensrang. Der Mitorganisator der Olympischen Spiele 1936 unterstützt mit flammenden Artikeln die Nazi-Eroberungsfeldzüge und rühmt Sport als "freiwilliges Soldatentum". Noch im März 1945 ruft Diem die Hitlerjugend zum "finalen Opfergang für den Führer" auf. Seiner Reputation als verdienstvollem Förderer des deutschen Sports schadet das nach Kriegsende lange nicht.

1947 gründet Carl Diem die Deutsche Sporthochschule in Köln und wird ihr erster Rektor. Die von ihm 1912 eingeführte Jedermann-Olympiade kehrt allerdings nach der unrühmlichen Nazi-Vergangenheit erst 1951 in den Breitensport zurück – mit großem Erfolg. 1958 erkennt Bundespräsident Theodor Heuss das Deutsche Sportabzeichen offiziell als gesetzlich geschütztes Ehrenzeichen an. Diems Rolle als Nazi-Propagandist wird erst in den 1990er Jahren hinterfragt und führt deutschlandweit zur Umwidmung vieler nach ihm benannten Straßen und Wege – 2008 schließlich auch in Köln vor der Deutschen Sporthochschule. 

Stand: 10.11.2012

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