24. August 1892 - Cholera-Epidemie in Hamburg mit 9.000 Toten

Xylografie nach einer Zeichnung, abgekochtes Wasser wird an die Bevölkerung ausgegeben

Stichtag

24. August 1892 - Cholera-Epidemie in Hamburg mit 9.000 Toten

"Erst bin ich zur Latrine gerannt, konnte den Arsch fast nicht mehr kneifen. Wasser schoss raus, wieder und immer wieder. Dann wurde mir kotzübel und ich musste mich übergeben. Wieder und immer wieder. Mir war schwarz vor Augen und bald hatte ich das Gefühl Magen und Darm stülpen sich für immer nach außen. Zerreißen mich." Das schreibt ein Cholera-Infizierter im 19. Jahrhundert in seinen Erinnerungen, als in Europa hunderttausende Menschen an der Seuche erkranken und jeder Zweite stirbt. Die Symptome sind lebensbedrohlich. "Erbrechen und vor allem diese nicht mehr beherrschbaren Durchfälle. Das hat etwas Entwürdigendes", sagt Professor Heinz-Peter Schmiedebach, Medizinhistoriker an der Uniklinik Eppendorf in Hamburg. Gelangt der Cholera-Erreger Vibrio cholerae in den Darm, produziert er ein Gift, das den Stoffwechsel empfindlich stört. Die Folge ist ein enormer Verlust von Flüssigkeit und Elektrolyten. "Man trocknet im Grunde genommen innerhalb kürzester Zeit aus, so dass bei entsprechender Nichttherapie der Tod bei 50 Prozent der Erkrankten sehr schnell eintritt", so Schmiedebach.

Elbe ist Trinkwasserreservoir und Kloake zugleich

Schon in der Antike sind die Cholera-Erreger aktiv. Ursprünglich stammen sie aus den warmen Gewässern des Ganges-Deltas, dem heutigen Bangladesh. Mit zunehmenden Handels- und Reiseaktivitäten im 19. Jahrhundert erreicht die Cholera alle großen europäischen Städte, London, Wien, Paris, Berlin. Der berühmte Mikrobiologe Robert Koch reist 1883 nach Ägypten und seziert mehrere Cholera-Leichen. Im Darm aller Toten findet er leicht gekrümmte Stäbchen in Form eines Kommas, denen er daraufhin den Namen Kommabazillen gibt. Zugleich bestätigt er die Vermutung mehrerer Forscherkollegen, dass die Übertragung vor allem durch fäkalienverunreinigtes Trinkwasser erfolgt. Nach und nach investieren viele europäische Städte in eine Kanalisation, trennen also Trink- und Abwasser. Auch der Senat der Hansestadt Hamburg streitet 20 Jahre lang über den Bau einer Filteranlage – und steckt das Geld dann lieber in ein neues Rathaus. Die Elbe bleibt Trinkwasserreservoir und Kloake zugleich.

"Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim"

Als dann Mitte August die ersten Hafenarbeiter in Hamburg an der Cholera erkranken, verheimlichen die Verantwortlichen der Stadt die Fälle tagelang - aus Angst der Hafen könnte gesperrt und der Handel beeinträchtigt werden. Nach einer Woche gibt es bereits über 200 Tote und nichts mehr zu beschönigen. Erst am 24. August 1892 bestätigt der Senat den Ausbruch einer schweren Cholera-Epidemie. Am gleichen Tag trifft Robert Koch in Hamburg ein. Er schreibt: "Es war mir zumut als wanderte ich über ein Schlachtfeld. Überall Menschen, die noch wenige Stunden vorher von Gesundheit strotzend und lebensfroh in den Tag hinein gelebt hatten und nun in langen Reihen da lagen, von unsichtbaren Geschossen dahin gestreckt." Er ist schockiert über die Elendsquartiere, in denen tausende Menschen auf engstem Raum hausen. "Meine Herren, ich vergesse, dass ich in Europa bin. Ich habe noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen wie hier." Rund 17.000 Menschen erkranken, 9.000 sterben. Den enormen Flüssigkeitsverlust von bis zu sieben Litern am Tag können die Ärzte damals nicht kompensieren. Robert Koch schreibt: "Das ist die Cholera, die hier offenbar in ihrer fürchterlichsten Gestalt aufgetreten ist." Die Hansestadt erleidet einen gewaltigen Vertrauens- und Imageverlust.

Heute lässt sich Cholera gut behandeln

Nachdem die Epidemie abgeklungen ist, errichtet Hamburg eine Müllverbrennungsanlage, eine Abwasserkanalisation und gewinnt sauberes Trinkwasser. Zudem werden die Armenviertel von Grund auf saniert. Heute bricht die Durchfallerkrankung oft in tropischen oder subtropischen Gebieten aus, zum Beispiel 2010 und 2011 auf Haiti, im Kongo, in Nigeria und Indien. Laut WHO lässt sie sich gut behandeln und endet nur für ein Prozent der Betroffenen tödlich. Fehlende Flüssigkeit, Zucker und Salze werden intravenös, in den Ländern der Dritten Welt auch erfolgreich oral verabreicht.

Stand: 24.08.2012

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