16. März 1907 - Blutforscher Alexander S. Wiener wird geboren

Porträtfoto Alexander Wiener (li., s/w), Foto Rhesusaffe

Stichtag

16. März 1907 - Blutforscher Alexander S. Wiener wird geboren

William Harvey, ein Londoner Arzt, beschreibt 1616 erstmals den Kreislauf des Blutes. 50 Jahre später gelingt Jean-Baptiste Denis in Paris die erste erfolgreiche Bluttransfusion von Mensch zu Mensch. Denis hat pures Glück, dass seine Patienten keinen Schaden nehmen. Was der Leibarzt von König Ludwig XIV. noch nicht weiß: Blut ist nicht gleich Blut. Zahlreiche Faktoren bestimmen Zusammensetzung und Verträglichkeit. In den folgenden knapp 250 Jahren kommt es deshalb bei Transfusionen zu unerklärlichen, ernsten Gesundheitsstörungen und Todesfällen.

Heute wissen wir, dass die Menschen 29 verschiedene Blutgruppensysteme aufweisen. Das erste System entdeckt Anfang des 20. Jahrhunderts der Wiener Arzt Karl Landsteiner. Er begründet die Einteilung von Blut in die Gruppen A, B, 0 und AB. 1922 übersiedelt Landsteiner nach New York, wo das Rockefeller Institute das erste Blutdepot der Welt aufbaut. Dort lernt er Alexander Wiener kennen, einen 23-jährigen, hochbegabten Mediziner aus Brooklyn, der ebenfalls den Geheimnissen des Blutes auf der Spur ist.

Lebensgefahr durch Immun-Vorwarnsystem

Der 1907 geborene Alexander Solomon Wiener beendet bereits mit 15 Jahren die Highschool. Er studiert zunächst Mathematik und Biologie, bevor er 1930 ein Medizin-Studium abschließt und sich zusammen mit Karl Landsteiner der Entschlüsselung des Blutes widmet. In seinem 1935 gegründeten Laboratorium erforscht Wiener, wie sich das Blut verschiedener Spezies verträgt und überträgt dazu das Blut von Rhesusaffen auf Kaninchen. Er stellt fest, dass die Nager daraufhin Antikörper bilden.

Die Bedeutung dieser Entdeckung wird Wiener und Landsteiner erst klar, als kurz darauf eine Schwangere eine Totgeburt hat und sich herausstellt, dass die Frau Antikörper gegen ihren Mann aufweist. Es sind die gleichen Antikörper, die das Kaninchen in Wieners Labor gegen das Blut des Rhesusaffen gebildet hat: Eiweißmoleküle auf der Oberfläche der roten Blutkörperchen. Wiener findet so heraus, dass es offenbar zwei Arten Blut gibt. Seine Experimente beweisen: Ein erster Mix beider Faktoren bleibt bis auf die Anregung zur Bildung von Antikörpern folgenlos. Bei einem zweiten jedoch, durch Schwangerschaft oder eine Transfusion, schlägt das vorgewarnte Empfänger-Immunsystem zu; schwere Krankheiten oder Tod sind die Folge.

Entstehung des Rhesusfaktors unbekannt

Alexander Wiener tauft den neu entdeckten Faktor nach seinem Versuchstier, dem Rhesusaffen. Menschen, deren rote Blutkörperchen über das Eiweißmolekül verfügen, sind demnach rhesuspositiv, Menschen ohne die Antikörper rhesusnegativ. Die Entdeckung des Rhesussystems bewertet Professor Markus Böck von der Universität Würzburg heute als "unendlich bedeutend" für die weiteren Fortschritte der Medizin. "Große Operationen bis hin zu Transplantationen wären ohne sichere Bluttransfusionen nicht möglich geworden", so der Transfusionsmediziner.

Die Rhesusunverträglichkeit hat durch die Arbeiten von Alexander Wiener und Karl Landsteiner ihren Schrecken verloren. Etwa 85 Prozent der Menschen in Europa, so weiß man heute, sind rhesuspositiv; in Afrika sind es nahezu 100 Prozent. Doch warum die Menschen im Lauf der Evolution unterschiedliche Rhesusfaktoren ausgebildet haben, darüber rätselt die Wissenschaft noch immer. Sicher ist nur, erklärt Professor Böck, dass der Faktor keinen Einfluss auf die Lebenserwartung hat: "Das ist wie mit dem Blinddarm. Wenn man ihn hat, ist es gut. Wenn man ihn nicht hat, kann man auch 100 Jahre alt werden."

Stand: 16.03.2012

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