1831 – Justus von Liebig entdeckt das Chloroform

Auf einer Zeichnung wird die Anwendung des Chloroforms bei Operationen dargestellt.

Stichtag

1831 – Justus von Liebig entdeckt das Chloroform

Bis zur Mitte des 19. Jahrhundert hinein sind Operationen extrem qualvoll. Ohne Narkose geht der Arzt ans Werk, setzt sein Skalpell ohne Betäubung des Patienten an. Wer Glück hat, verliert das Bewusstsein – nicht selten aber sterben die leidenden Patienten an Herzversagen. Der schnellste Chirurg ist damals der beste Chirurg. Die Vorstellung von betäubenden Substanzen gilt als absurde Phantasie.

"Die Vermeidung von Schmerzen bei Operationen ist eine märchenhafte Vorstellung", behauptet dementsprechend noch 1839 der namhafte Pariser Chirurg Louis Valpeau. "Das schneidende Messer und der Schmerz sind der Chirurgie zwei Begriffe, mit denen der Kranke nie einzeln in Berührung kommt. Vielmehr muss er sich deren Zusammenwirken gefallen lassen.“

Dünger und Narkotika

Diese Vorstellung ändert sich zur Mitte des 19. Jahrhunderts erst langsam. Die Voraussetzung hierzu schafft der Chemiker Justus von Liebig, dessen Mineraldünger, Fleischextrakt und Backpulver ebenfalls gewaltige Erfolge sind. 1831 stellt er einen chlorierten Wasserstoff her, der als Chloroform bekannt wird.

Die Bedeutung der Substanz erkennt die medizinische Fachwelt allerdings erst 16 Jahre später: 1847 fällt der schottische Arzt James Simpson im Selbstversuch durch Chloroform in tiefe Bewusstlosigkeit – und erwacht unbeschadet wieder. Zwar hatten erst ein Jahr zuvor zwei Mediziner in Boston mit Äther operiert. Nach Simpsons Selbstversuch jedoch gilt Chloroform als verträglicher.

Eine Königin entbindet schmerzfrei

Aber die Widerstände der Fachwelt gegenüber Narkosen halten sich hartnäckig. Schnelle Chirurgen fürchten die langsamere, aber vielleicht effektivere Konkurrenz; zudem gelten Schmerzen unter bibeltreuen Zeitgenossen als etwas, dass man auszuhalten habe: "Unter Schmerzen sollst du Kinder gebären", steht schließlich im Alten Testament geschrieben.

Aber dann wünscht sich ausgerechnet die schwangere Königin Victoria von England eine schmerzfreie Geburt. 1857 kommt ihr Sohn Prinz Leopold unbeschadet und ohne Schreie seiner Mutter zur Welt. Dem Siegeszug von Chloroform steht nichts mehr im Wege – und das, obwohl über seine genaue Dosierung noch keinerlei Erfahrung besteht und Victorias Ansinnen im Nachhinein als überaus riskant erscheint.

Überhaupt ist die Eroberung der Operationssäle durch Chloroform nur von kurzer Dauer: Schon Ende des 19. Jahrhunderts wird die Substanz wieder von Äther und Lachgas verdrängt.

Stand: 21.12.2011

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