30. Oktober 1961 - Anwerbeabkommen mit der Türkei

Türkische Gastarbeiter nach Ankunft vor einem Flugzeug

Stichtag

30. Oktober 1961 - Anwerbeabkommen mit der Türkei

Harte Zeiten waren das, erinnert sich Kadir Kanli. Härter, als er Ende der 1960er-Jahre geahnt hatte, als er von der türkischen Schwarzmeerküste zum Geldverdienen nach Dortmund kam. 39,5 Jahre hat er gearbeitet, kannte kein Arbeitsamt: "Nur Schichtarbeit: Nacht-, Mittag-, Nachtschicht." Heute, als Rentner, ist Kanli stolz darauf, dem deutschen Staat nie auf der Tasche gelegen zu haben.

Kadir Kanli gehört zur ersten Generation der so genannten türkischen Gastarbeiter. Sein Sohn Ali folgt ihm als 13-Jähriger in die neue Heimat, sein Enkel Ibu wird in Dortmund geboren und reist heute nur noch zum Urlaubmachen in die Türkei. Dabei sollte Kadir Kanli ursprünglich nur zwei Jahre in Deutschland bleiben, um die deutsche Wirtschaft in Schwung zu halten, und dann in die Heimat zurückzukehren. So steht es in dem vor 50 Jahren mit der Türkei geschlossenen Anwerbeabkommen, das Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland nachhaltig prägen wird.

Paradies oder Hölle

Mit Beginn des Wirtschaftswunders braucht die boomende bundesrepublikanische Wirtschaft dringend Nachschub an Arbeitskräften. Im Süden Europas dagegen ist Arbeit knapp und die Armut groß. So wird 1955 mit Italien die erste Anwerbe-Vereinbarung für "Gastarbeiter" geschlossen; es folgen Spanien, Griechenland und Portugal. Doch der Bedarf vor allem im Bergbau und der Schwer- und Autoindustrie ist längst nicht gedeckt. Deshalb vereinbart Bonn am 30. Oktober 1961 auch mit der Regierung in Ankara Bedingungen, unter denen türkische Staatsangehörige für begrenzte Zeit in "Almanya" Geld verdienen dürfen.

"Deutschland, was ist das überhaupt?", fragt sich damals Kuddushi Sababoglu. "Ist das ein Paradies oder ist das die Hölle?" Wie so viele bestaunt der Jugendliche Verwandte und Bekannte, die, gut angezogen, mit teuren Geschenken und manchmal auch einem neuen Auto, auf Urlaub in die Heimat kommen. Mit 16 Jahren folgt Sababoglu der Verlockung, landet in Bergkamen und beginnt auf der Zeche Haus Aden eine Lehre. Seine erste Behausung ist eine Sammelunterkunft. Dort träumt auch er davon, als angesehener Mann in die Heimat zurückzukehren. Doch es kommt anders. Sababoglu studiert und steigt in die Führungsetage seiner Zeche auf. Er fährt ein großes Auto, kauft ein Haus und ermöglicht auch seinen Kindern das Studieren. Heute fühlt sich Kuddushi Sababoglu in Deutschland voll integriert.

Viel geschafft und viel verloren

Für Fatime Günkör dagegen beginnt – wie für viele Türkinnen - der Umzug in die unbekannte Kultur Westdeutschlands mit einem jahrelangen Martyrium, das sie still erduldet. Als 13-Jährige zwangsverheiratet, mit 16 erstmals Mutter, kommt sie 1970 nach Düsseldorf und wird in ihrer Wohnung weggeschlossen. Ihr Mann arbeitet auf einer Kokerei; dass seine Frau unter der Isolation leidet, kümmert ihn nicht. Fatime Günkör sieht sich heute als Opfer einer um ihr Leben betrogenen Generation. Stellvertretend für viele Leidensgenossinnen zieht sie ein ernüchterndes Fazit der "verlorenen Jahre" in Deutschland: "Ich habe viel geschafft, aber auch viel verloren."

1973, als Ölkrise und Rezession den deutschen Wirtschaftsboom bremsen, wird die gezielte Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte gestoppt. Etliche "Gastarbeiter" kehren mehr oder minder ernüchtert in ihre Heimat zurück. Viele andere, vor allem jene, die ihre ganze Familie nachgeholt haben, bleiben. Heute leben in Deutschland 2,5 Millionen türkischstämmige Menschen und bilden damit hierzulande die größte Ausländergruppe. Rund 80.000 von ihnen haben eigene Unternehmen mit fast 400.000 Beschäftigten gegründet. Es gibt türkischstämmige Ministerinnen und Parteivorsitzende, Hochschulprofessoren, Betriebsräte und IT-Fachleute – und Fußballer, die im schwarz-weißen Trikot für die deutsche Nationalmannschaft spielen.

Stand:30.10.2011

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