10. September 2004 - Vor 40 Jahren: Ankunft des millionsten Gastarbeiters

Stichtag

10. September 2004 - Vor 40 Jahren: Ankunft des millionsten Gastarbeiters

Zwei Tage dauert die Fahrt ins Ungewisse, von Portugal ins kalte Deutschland. Mit 80 Minuten Verspätung läuft der Zug am 10. September 1964 in den Bahnhof Köln-Deutz ein. Gerade angekommen, wird der Portugiese Armando Sá Rodrigues über Lautsprecher ausgerufen – und erlebt die Überraschung seines Lebens. Wildfremde Männer mit Schlips und Anzug drücken ihm die Hand, Fotografen rangeln um die beste Position, ihn ins Bild zu setzen. Fernsehkameras richten sich auf Rodrigues. Eine Blaskapelle spielt "Wem Gott will rechte Gunst erweisen" und "Alte Kameraden", später auch die Nationalhymnen Spaniens, Portugals und die der Bundesrepublik. Aus dem Zug mit 1.200 Gastarbeitern hat man den 38-jährigen portugiesischen Zimmermann als millionsten Gastarbeiter ausgelost – und feiert ihn. Rodrigues erhält einen Strauß Nelken und ein Moped als Geschenk. Den großen Bahnhof organisiert hat die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände. "Ohne die Mitarbeit der Ausländer wäre unsere Entwicklung der letzten Jahre nicht denkbar", sagt ihr Vertreter in Köln.

Für die boomende Wirtschaft braucht die Bundesrepublik dringend Arbeitskräfte. 1964 gibt es 600.000 freie Stellen, aber nur 170.000 Arbeitslose. Seit Mitte der fünfziger Jahre werden ausländische Arbeitskräfte angeworben. Die Migranten heißen Gastarbeiter, kommen vor allem aus Südeuropa und leben anfangs meist in einfachsten Massenquartieren. Den betriebswirtschaftlichen Vorteil der ausländischen Arbeitskräfte formuliert offenherzig ein Papier der Arbeitgeber: "Der bei uns arbeitende Ausländer stellt in der Regel die Arbeitskraft seiner besten Jahre zur Verfügung: Für die Betriebe ergibt sich daraus der Vorteil, dass nur in seltenen Fällen ein älterer oder nicht mehr voll arbeitsfähiger ausländischer Mitarbeiter aus sozialen Gründen mit durchgezogen werden muss." Bei Armando Sá Rodrigues bestätigt sich diese Verbandsprognose. Nach wenigen Jahren Arbeit in der Bundesrepublik wird der Portugiese krank und kehrt in sein Heimatland zurück, ohne Krankengeld zu beanspruchen. 1979 stirbt der Vater von zwei Kindern.


Stand: 10.09.04