27. Juli 1996 - Bombenanschlag bei den Olympischen Spielen

Verletzte durch den Bombenanschlag bei den olympischen Spiele in Atlanta

Stichtag

27. Juli 1996 - Bombenanschlag bei den Olympischen Spielen

Es ist die neunte Olympia-Nacht von Atlanta, als ein grüner Rucksack in einem Papierkorb Richard Jewells Aufmerksamkeit erregt. Der 33-Jährige arbeitet als Wachmann, als einer von über 30.000 Polizisten, FBI-Agenten und privaten Sicherheitsleuten, die die "Jahrhundertspiele" 1996 zu den sichersten Olympischen Spielen aller Zeiten machen sollen. In der Nacht des 27. Juli wacht Jewell im Centennial Park, der großen, fröhlichen Olympia-Partymeile im Herzen von Atlanta.

Während 50.000 Menschen ein Rock-Konzert verfolgen, identifiziert die Polizei Jewells Fund als Bombe. Gegen 1.10 Uhr wird die Räumung des Geländes eingeleitet. Dass etwa zehn Minuten zuvor in der Olympia-Notrufzentrale eine Bombenwarnung eingegangen ist, weiß keiner der Beamten im Centennial Park. Um 1.20 Uhr detoniert die mit Nägeln und Schrauben gespickte Rohrbombe. Eine 44-jährige Touristin und ein 40-jähriger türkischer TV-Reporter werden getötet, 111 Menschen liegen blutend in der zertrümmerten Partyzone. In der Notrufzentrale versucht eine Telefonistin noch immer, die Warnung an ein Einsatzkommando weiterzuleiten.

Mediale Hetzjagd

Vier Stunden nach dem Anschlag entscheiden die Olympia-Verantwortlichen: "The Games will go on!" Richard Jewell, dessen Aufmerksamkeit Hunderte ihr Leben verdanken, wird als Held gefeiert. Doch nach drei Tagen hektischer Tätersuche gerät der Retter selbst ins Fadenkreuz des FBI. Geltungssucht soll den Wachmann zu der schrecklichen Tat veranlasst haben. "Das Profil des einsamen Bombers passt auf Jewell", verkündet Atlantas größte Zeitung per Extrablatt. Bis in kleinste Detail durchleuchten die Fahnder Jewells Leben, der nun erbarmungslos als "Dorf-Rambo" und "fetter, gescheiterter Ex-Hilfssheriff" von den Medien gehetzt wird. Nach 88 Tagen rehabilitiert das FBI den demontierten Helden. Zeitungen und TV-Sender müssen ihm wegen Verleumdung hunderttausende Dollar Entschädigung zahlen.

Christlich-fundamentaler Terrorismus

Doch der Rufmord hat Richard Jewells Leben nachhaltig zerstört. Psychisch und physisch ein Wrack, stirbt er 2007 mit nur 44 Jahren. Der von einem ganzen Heer von Fahndern gesuchte wahre Attentäter von Atlanta aber bleibt lange spurlos verschwunden. Im Juni 2003 nimmt ein junger Streifenpolizist zufällig in einem abgelegenen Ort in North Carolina einen Landstreicher fest. Halb verhungert hatte der verwahrloste Mann an einem Supermarkt nach Essbarem gesucht. Als Eric Rudolph identifiziert, gesteht der 36-jährige "Waldmensch" völlig überraschend, der gesuchte Bombenleger vom Centennial Park zu sein.

Durchdrungen von monströsen Verschwörungstheorien, einem wirren christlichen Fundamentalismus und militantem Schwulenhass hatte Rudolph seit 1996 weitere Anschläge auf Abtreibungskliniken und Homosexuellen-Bars verübt, ohne je in Verdacht zu geraten. Im April 2005 wird er zu vier Mal lebenslänglicher Freiheitsstrafe verurteilt. "Gibt es etwa christliche Terroristen in Amerika?", fragt besorgt die "Washington Post".

Stand: 27.07.11

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