6. Mai 1992 - Marlene Dietrich stirbt in Paris

6. Mai 1992 - Marlene Dietrich stirbt in Paris

Josef von Sternberg gehört zu Hollywoods Top-Regisseuren, als er in Berlin die Dreharbeiten zu "Der blaue Engel" nach Heinrich Manns Roman "Professor Unrat" beginnt. Für die Rolle der Revue-Sängerin Lola Lola bestellt Sternberg 1929 eine pummelige Nachwuchsschauspielerin ins Ufa-Atelier nach Neubabelsberg. Er steckt die 27-Jährige in Rüschenhöschen und Strapse, lässt sie aufs Klavier steigen und mit Berliner Schnauze herumschnoddern.

Dann säuselt Marlene Dietrich "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" und Sternberg weiß, dass er seine fesche Lola gefunden hat. Auf Deutsch und Englisch gedreht, wird "Der blaue Engel" 1930 ein Welterfolg. Sternberg habe sie aus dem Nichts erschaffen, wird die Dietrich später behaupten. Dass sie sich schon in den wilden Zwanzigern einen Namen gemacht hat, oft als laszive Dame, die gern auch zu Dritt liebt, lässt die Diva Dietrich unerwähnt.

Mit fliegenden Fahnen nach Hollywood

Als Tochter eines Polizeileutnants kommt Marie Magdalene Dietrich am 27. Dezember 1901 in Berlin zur Welt. Sie selbst allerdings nennt als Geburtsdatum zeitlebens das Jahr 1904. Nach dem frühen Tod ihres Vaters wird sie von der Mutter preußisch erzogen. Pflichtgefühl, Kontrolle und eiserne Disziplin werden zu Tugenden, die Marlene Dietrich bei der akribischen Planung ihrer Karriere zustattenkommen. Nach dem Abitur beginnt sie ein Geigenstudium an der Berliner Musikakademie, lässt das Violinespielen aber zu Gunsten der Schauspielerei sausen.

Der Regieassistent Rudolf Sieber, den sie 1923 heiratet, verhilft ihr zu ersten kleineren Rollen. Neben Willi Forst spielt sie 1928 ihre erste Hauptrolle. Am Morgen nach der Uraufführung von "Der blaue Engel" verlässt Marlene Dietrich ihren Mann und die gemeinsame Tochter Maria. Mit 25 Schrankkoffern ("und keiner wog weniger als ich") besteigt sie einen Dampfer nach New York, wo sie Josef von Sternberg sehnsüchtig erwartet.

Die Diva, die allen den Kopf verdreht

Ihr erster US-Spielfilm unter Sternbergs Regie begründet 1930 den Mythos Marlene. Als androgyn-verruchte Nachtclub-Sängerin - Skandal! - küsst die Dietrich in "Morocco" erst eine Frau auf den Mund, bevor sie dem jungen Gary Cooper ihre Gunst schenkt. "Zuerst wollte sie ja gar nicht dieses mysteriöse Fabelwesen sein", sagt Sternberg 20 Jahre später dem Fernsehjournalisten Georg Stefan Troller. "Ich war es, der sie dazu brachte, sich diese ganzen Pfunde herunter zu hungern. Der ihr das Image der geheimnisvollen Unbekannten verpasst hat", zitiert Troller aus seinem Gespräch mit dem Regisseur.

Bis 1935 dreht die Stilikone Dietrich fünf weitere Filme mit ihrem Mentor; dann trennen sich ihre Wege. Nicht nur vor der Kamera verdreht Marlene allen den Kopf. Mit Sternberg, Gary Cooper und Maurice Chevalier hat sie ebenso Liebesbeziehungen wie mit Erich Maria Remarque, James Stewart und vor allem Jean Gabin. Affären mit Frauen nicht ausgeschlossen. Die Nationalsozialisten setzen alles daran, die glamouröse Diva zurückzuholen, doch die Dietrich denkt nicht dran. Sie wird amerikanische Staatsbürgerin und zieht als singende Truppenbetreuerin für die US Army gegen die Nazis in den Krieg.

Als gefeierte Sängerin neu erfunden

In den Ruinen von Berlin spielt einer ihrer besten Filme, "A Foreign Affair", den sie 1948 mit Billy Wilder dreht. Von den USA und Frankreich mit höchsten Orden geehrt, wird Marlene Dietrich in der Bundesrepublik noch lange als Vaterlandsverräterin verleumdet. Da hat sie längst ihre zweite, nicht weniger glanzvolle Karriere gestartet. Als Sängerin feiert die Dietrich in TV-Shows und bei Gala-Konzerten Triumphe. 1960 tritt sie während einer Europa-Tournee erstmals wieder in Deutschland auf. Am Warschauer Ghetto-Denkmal legt sie lange vor Willy Brandts Kniefall Blumen nieder; in Israel singt sie auf Deutsch.

Von mehreren Knochenbrüchen geschwächt, zieht sich die in ihrem Mythos erstarrte Diva 1976 in Paris von der Welt zurück. Die letzten knapp 17 Jahre verbringt Marlene Dietrich in ihrer Wohnung in der noblen Avenue Montaigne. Nach draußen hält sie nur noch schriftlich oder telefonisch Kontakt. Selbst enge Vertraute wie Hildegard Knef oder die Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld werden nicht vorgelassen. Nach einem Schlaganfall stirbt die 90-Jährige am 6. Mai 1992. Begraben wird Marlene Dietrich in ihrer Heimatstadt Berlin.

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"ZeitZeichen" auf WDR 5 (9.45 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 6. Mai 2017 ebenfalls an Marlene Dietrich. Auch das "ZeitZeichen" gibt es als Podcast.

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Stand: 06.05.2017, 00:00