9. November 1953 - Erste Fußgängerzone Deutschlands eröffnet

Treppenstraße in Kassel, Fußgängerzone

9. November 1953 - Erste Fußgängerzone Deutschlands eröffnet

Wir leben in gnadenlos beschleunigten Zeiten. Das war aber schon in den späten 50er Jahren so. Längst haben die Autos auf der Straße die Vorherrschaft übernommen. Niemand weiß das besser als der Archivar der Zeitschrift "Zeitblick", Gottlieb Sänger. Er mag Autos nicht. Aber auch keine Straßenbahnen, Fahrräder oder Paternoster.

"Sie können mit der Elektrischen fahren!", rät ein Zeitgenosse dem von Heinz Erhardt verkörperten Protagonisten in "Der letzte Fußgänger" (1960). Und der entgegnet: "Ach, das fehlte mir noch. Das wäre ja zum ersten Mal seit zehn Jahren, dass ich zur Arbeit nicht zu Fuß gegangen wäre."

Erste deutsche Fußgängerzone eingeweiht (am 09.11.1953)

WDR 2 Stichtag | 09.11.2018 | 04:11 Min.

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Gebaut auf Trümmern

Auf der Suche nach Entschleunigung treibt es Sänger in den Schwarzwald. In der Eingangssequenz aber ist er in der Treppenstraße in Kassel zu sehen – der ersten Fußgängerzone der noch jungen Bundesrepublik, die den Hauptbahnhof unter anderem mit dem Friedrichplatz verbindet. Am 9. November 1953 wird sie eröffnet.

In "Der letzte Fußgänger" gibt es schon Bebauung. Am Anfang durchzieht die Treppenstraße noch ein Terrain ganz ohne Häuser. Die Stadt liegt nach ihrer Bombardierung im Zweiten Weltkrieg noch in Schutt und Asche: Mit visionärem Weitblick setzen die Stadtplaner inmitten einer Trümmerwüste ein strategisches Zeichen, ohne zu wissen, ob ihm Erfolg beschieden ist.

Was das Baumaterial angeht, herrscht eher Engstirnigkeit vor: Errichtet wird die erste Fußgängerzone mit den Steinen historischer Gebäude am Wegesrand, die man auch hätte restaurieren können.

Im Reservat der Reifenlosen

Von Anfang an ist die Treppenstraße als eine Art "Reservat" geplant, "wo die Leute zu Fuß gehen können, einkaufen können, flanieren können", sagt der Leiter des Kasseler Zentrums für Mobilitätskultur, Helmut Holzapfel.

Im Außenraum dominieren breite Verkehrsstraßen, denn Kassel will sich ein autogerechtes Antlitz geben. Bundesweit wird Kassel in den Wirtschaftswunderjahren für dieses Modell bestaunt.

Aber die Treppenstraße trägt ihren Beschwerlichkeit verheißenden Namen zu Recht. Bald zeigen sich die Nachteile: Die 104 Stufen, die Brunnen und die Blumenbeete erschweren die Warenanlieferung. Als dann Kassel auch noch die ICE-Anbindung verliert, lässt auch der Passantenfluss deutlich nach. Heute ist ein bemerkbarer Leerstand bei den Geschäften die Folge.

In Zeiten des Verkehrschaos muss man die Fußgängerzone in Richtung "autofreie Innenstädte" sowieso anders denken, meint Raumplaner Oscar Reutter. Dem letzten Fußgänger hätte das gefallen.

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Stand: 09.11.2018, 00:00