9. November 1800 - Protestzug von Rauchern in London

Karikatur um 1850

Stichtag

9. November 1800 - Protestzug von Rauchern in London

Der erste Raucher in Europa muss seinen Genuss teuer bezahlen. Im Gefolge von Christoph Kolumbus hatte Rodrigo de Jerez den Tabak in der Neuen Welt schätzen gelernt. Daheim in Spanien raucht er das mitgebrachte Wunderkraut, das seiner Stimmung so förderlich ist, ganz im Geheimen. Bis seine Frau ihn ertappt und voller Entsetzen Rauch aus Rodrigos Mund und Nase strömen sieht. Im festen Glauben, ihr Gatte sei vom Teufel besessen, meldet sie ihn der Heiligen Inquisition, und Rodrigo de Jerez verbringt die folgenden zehn Jahre im Kerker.

Die rasante Verbreitung des Tabaks im 16. Jahrhundert können aber weder geistliche noch weltliche Mächte aufhalten. Die Front der Freunde und Gegner des Rauchens und Schnupfens verläuft quer durch alle Gesellschaftsschichten. Je mehr Menschen dem blauen Dunst frönen, umso drastischer ziehen Obrigkeit und Moralisten gegen die gefährlich freigeistige Anmaßung zu Felde.

Paffender Protestzug

Die von Seefahrern wie Walter Raleigh auf den Geschmack gebrachten Engländer entwickeln sich zu einem Volk leidenschaftlicher Tabaksfreunde. Selbst Geldbußen, Pranger, Züchtigung und ärgere Strafen können ihnen ihr Pfeifchen nicht verleiden. Als schärfster Gegner des Rauchens besteigt 1603 Jakob I. den Thron. In seiner Kampfschrift "A Counterblaste to Tobacco" rechnet der König akribisch mit dem verhassten Laster ab. Ein Verbot aber spricht Jakob nicht aus; zum Wohl der Staatskasse erhöht er den Zoll auf Tabak lieber um 4.000 Prozent. 200 Jahre später, am 9. November 1800, sollen die immer noch drangsalierten Raucher von London sogar öffentlich für ihr Recht demonstriert haben.

So gibt es eine Zeichnung, die einfache Bürger, Berittene und hohe Herrschaften in einer Kutsche, alle heftig paffend, zu einem Protestzug vereint. Auch Hunde, Pferde und die Goldengel an der Karosse qualmen wie die Schlote, was die Zeichnung als Karikatur ausweist, aber deutlich den Zeitgeist widerspiegelt. Ob die Londoner Raucher-Demo tatsächlich stattgefunden hat, ist nicht belegt. Rund um den Globus müssen Raucher noch im 18. Jahrhundert um Leib und Leben fürchten. Russlands Zaren lassen sie auspeitschen und enteignen, ihnen die Nase aufschlitzen oder nach Sibirien verbannen. Im Osmanischen Reich unter Sultan Murad dem Grausamen droht die Todesstrafe, in Japan Gefängnis.

Sehnsucht nach Nervennahrung

Auch in deutschen Städten wird zur Abschreckung die Peitsche geschwungen. Selbst der sonst Genüssen wohlgesonnene Geheimrat in Weimar fällt ein vernichtendes Urteil über seine paffende Umgebung. "Rauchen macht dumm", schreibt Goethe, nur Müßiggänger würden ihm frönen. Erste Entdeckungen über die Giftigkeit von Nikotin und krebserregende Substanzen im Tabak werden publik. Doch je mehr Freiheiten sich die Bürger im 19. Jahrhundert erkämpfen, umso weniger lassen sie sich das Rauchen verbieten. Mit der Erfindung der Zigarette 1850 ist dann gegen das Entstehen einer weltumspannenden Tabakindustrie kein Kraut mehr gewachsen  – begleitet von immensen Steuereinnahmen des Staates.

Nie ist das Bedürfnis zu rauchen größer als in Kriegszeiten. Auch die Deutschen haben im und nach dem Zweiten Weltkrieg große Sehnsucht nach nikotinhaltiger Nervennahrung. Wie sehr zeigt sich 1947, als der Parlamentarische Rat in Bonn am Grundgesetz feilt. Während der Beratungen habe ein Raucher gefordert, die Zigarette zum Verfassungsgut zu erheben, berichtet ein Rundfunk-Reporter. "Er schlägt einen Paragraphen vor, wonach jedem Bürger vom Staat 50 Zigaretten im Monat garantiert werden." Das Nikotin-Deputat für alle schafft es zwar nicht ins Grundgesetz. Aber in den folgenden Wahlkämpfen wirbt die CDU mit dem Versprechen, unter Adenauer könne sich jeder wieder ordentlichen Tabak leisten.

Stand: 09.11.2015

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