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23. Oktober 1916 - Philip Rosenthal wird geboren

Porträt von Philip Rosenthal junior, der zur Seite schaut, lächelt und eine Zigarre raucht.

23. Oktober 1916 - Philip Rosenthal wird geboren

Ein Millionär in der SPD - der Porzellanfabrikant und Ex-Fremdenlegionär Philip Rosenthal gilt in den 1970er-Jahren als "Sozialrevoluzzer" und ist mit seiner Kapitalismus-Kritik der Zeit weit voraus.

Philip Rosenthal, Fabrikant und Politiker (Geburtstag, 23.10.1916)

WDR ZeitZeichen 23.10.2021 14:53 Min. Verfügbar bis 24.10.2099 WDR 5


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"Erfolg im Leben ist: etwas Sein, etwas Schein und sehr viel Schwein." Ein typischer Spruch von Philip Rosenthal, der zu seinem Leben passt. Er ist der Sohn eines Porzellanfabrikanten. Der Vater baut zuerst in Werl und später in Selb im Fichtelgebirge Fabriken für hochwertiges Geschirr und kauft weitere Firmen dazu. Der 1916 geborene Philip soll auch ins Unternehmen einsteigen. Das tut er, allerdings macht er vorher ein paar Umwege.

Rosenthal studiert ab 1934 in England Philosophie, Politik und Volkswirtschaft. In Deutschland, wo seit 1933 die Nationalsozialisten regieren, wird sein Vater wegen seiner jüdischen Abstammung aus dem Unternehmen gedrängt und stirbt 1937.

Vom Hitlerjungen zur Fremdenlegion

"Ich war ein Hitlerjunge. Das heißt, ich hatte keinen Dunst, dass einer meiner Großväter Jude war und bin in die Hitlerjugend gegangen. 1930. Und zu dem Zeitpunkt flog man noch aus der Schule, wenn man in der Hitlerjugend war. Und warum damals? Weil es damals bei den normalen politischen Parteien keine Ideale gab. Und wenn junge Leute keine richtigen Ideale haben, dann gehen sie auf die falschen Ideale", berichtet Rosenthal Jahrzehnte später in einem Interview über diese Zeit.

Rosenthal meldet sich 1939 freiwillig zur französischen Fremdenlegion, weil die Briten ihn mit seiner deutschen Staatsbürgerschaft nicht gegen die Nazis kämpfen lassen wollen. Er dient unter anderem in Nordafrika. Philip Rosenthal braucht im Krieg mehrere Versuche und die Erfahrung aus mehreren Straflagern, bis ihm die Flucht gelingt. Die Jahre der Fremdenlegion bleiben ihm trotzdem wichtig.

Eine Erkenntnis, die er in dieser Zeit gewinnt, ist, "dass der Prozentsatz von anständigen Leuten und Armleuchtern wie von intelligenten Leuten und Deppen unter Millionären und Arbeitnehmern gleich ist, nur die Chancen sind verschieden". Und das sei wahrscheinlich auch der Grund, "warum ich Sozialdemokrat geworden bin, um die Chancen ein wenig auszugleichen".

Nach dem Krieg steigt er ins Porzellangeschäft ein, das die Familie nach der Enteignung durch die Nationalsozialisten wieder zurückbekommt. Unter seiner Führung entwickelt das Unternehmen mit namhaften Künstlern avantgardistische Produktlinien. Der Millionär und Sozialdemokrat Philip Rosenthal ist beseelt von dem Gedanken der Mitarbeiterteilhabe am Unternehmen. Früher als andere führt er im eigenen Unternehmen ein Beteiligungsmodell ein.

SPD-Bundestagsabgeordneter und Staatssekretär

Philip Rosenthal

Philip Rosenthal neben Helmut Schmidt (r, SPD, Bundeskanzler von 1974 bis 1982)

Für diese Idee geht er in die SPD und zieht 1969 in den Bundestag ein. Für seine Idee wird er 1970 Staatssekretär unter Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller. Die Vorstellung einer umfassenden Gesetzgebung für die Mitarbeiterbeteiligung scheitert nicht nur an Schiller, sondern auch an den Gewerkschaften, die Nachteile für die Arbeitnehmer befürchten, wenn ein Unternehmen in eine Wirtschaftsflaute käme.

Er bleibt bis 1983 weiter Abgeordneter im Bundestag. Rosenthal ist bei seinen Wählerinnen und Wählern beliebt. Er kann Menschen begeistern und er begeistert sich auch für ein Parlament, das nicht nur aus Berufspolitikern besteht. In Talkshows und Radiointerviews wirbt er weiter für seine Ideen. Bis ins hohe Alter bleibt der fünffache Vater kulturell engagiert und sportlich aktiv. Im September 2001 stirbt Philip Rosenthal knapp einen Monat vor seinem 85. Geburtstag.

Autorin des Hörfunkbeitrags: Irene Geuer
Redaktion: Gesa Rünker

Programmtipps:

"ZeitZeichen" auf WDR 5 (9.45 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 23. Oktober 2021 an Philip Rosenthal. Das "ZeitZeichen" gibt es auch als Podcast.

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