Vor 60 Jahren: Frauen ziehen erstmals ins britische Oberhaus ein

Vor 60 Jahren: Frauen ziehen erstmals ins britische Oberhaus ein

Die britische Demokratie ist eine der ältesten der Welt. Dennoch ist es erst 60 Jahre her, dass weibliche Abgeordnete im Oberhaus zum ersten Mal ihre Stimme erheben durften.

Lady Nancy Astor steht zwischen Lord Balfour und Lloyd George

Lady Nancy Astor (1879-1964) war die erste Frau, die einen Sitz im britischen Parlament einnahm. Ab 1919 saß sie für die Konservativen im Unterhaus. Vorausgegangen war die erste Wahl im Königreich, bei der Frauen – wenn auch nicht alle – ihre Stimme abgeben durften.

Lady Nancy Astor (1879-1964) war die erste Frau, die einen Sitz im britischen Parlament einnahm. Ab 1919 saß sie für die Konservativen im Unterhaus. Vorausgegangen war die erste Wahl im Königreich, bei der Frauen – wenn auch nicht alle – ihre Stimme abgeben durften.

"Als ich das Unterhaus zum ersten Mal betrat, war es, als würde ich in einen Herrenclub eintreten", erinnerte sich Lady Nancy Astor Jahre später. "Offen gesprochen, konnte ich mir kaum etwas weniger Vergnügliches vorstellen, als meine Zeit mit 600 Männern zu verbringen, von denen mich dort keiner wollte. Natürlich waren sie alle für Gleichberechtigung. Theoretisch. Aber eine Frau in ihrem Club – das ging zu weit."

Das britische Parlament entwickelte sich seit dem Mittelalter und gliedert sich noch heute in drei Teile: das Oberhaus (für Adlige und Geistliche), das Unterhaus (vom Volk gewählte Abgeordnete) und die Königin beziehungsweise den König. Der Sitz im Oberhaus wurde jahrhundertlang an den ältesten Sohn vererbt.

Bis 1918 durften britische Frauen nicht wählen. Und auch ab 1918 galt das Wahlrecht für Frauen nur mit Einschränkung. Sie mussten älter als 30 Jahre alt sein, über Grundbesitz verfügen und ein eigenständiges Einkommen haben. Erst 1927 wurde das allgemeine Frauenwahlrecht eingeführt.

Nancy Astor profitierte von dem Kampf der Suffragetten (von engl. suffrage = Wahlrecht), die sich für das allgemeine Frauenwahlrecht stark machten. Viele der Frauenrechtlerinnen stammten aus dem Bürgertum. Sie demonstrierten lautstark auf den Straßen Londons und schreckten nicht davor zurück, sich mit Polizisten zu prügeln oder in den Hungerstreik zu gehen. Nancy Astor aber war keine von ihnen.

Stattdessen war die erste britische Abgeordnete eine gebürtige Amerikanerin, die in zweiter Ehe mit dem Millionärssohn Waldorf Astor liiert war. Nach dem Tod seines Vaters erbte er automatisch dessen Adelstitel und zog vom britischen Unterhaus ins Oberhaus ein. Auf den freigewordenen Platz im Unterhaus wurde seine Gattin gewählt.

Der Weg ins Oberhaus blieb Frauen noch weitere 40 Jahre versperrt. Die Feministin Margaret Haig Thomas, Viscountess Rhondda (1883-1958), die in ihrer Jugend einen militante Suffragette war, wollte nach dem Tod ihres Vaters seinen Platz im House of Lords einnehmen. Doch sie scheiterte mit ihrer Petition am Widerstand der Lords.

Erst am 21. Oktober 1958 – Viscountess Rhondda erlebte es nicht mehr – zogen die ersten Frauen ins Oberhaus ein. Möglich gemacht hat das der Life Peerages Act von 1958, das Gesetz über die Adelswürde auf Lebenszeit. Es wurde geschaffen, um das Oberhaus zu modernisieren. Bis dato war es rein männlich und überwiegend besetzt mit reichen Adligen, die ihren Sitz geerbt hatten. Nun konnte die Queen bürgerliche Personen in den Adelsstand heben, die im Leben Großes geleistet hatten.

Mit dem Peerage Act von 1963 konnten Adelsfamilien ihren Sitz im Oberhaus erstmals an Frauen vererben, sofern es keinen männlichen Erben gab. Auch unter den Geistlichen Oberhaus-Mitgliedern gab es Bewegung. Seit 2014 dürfen Frauen in der Church of England Bischöfinnen werden, seit 2015 können sie dank des Lords Spiritual Women Acts ins Oberhaus einziehen. Dennoch: Zu gleichen Teilen sind Männer und Frauen bis heute nicht im britischen Parlament vertreten. Das Unterhaus hat rund ein Drittel weibliche Mitglieder, das Oberhaus circa ein Viertel.

Stand: 11.10.2018, 11:00 Uhr