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Buchcover: "Birobidschan" von Tomer Dotan-Dreyfus

Lesefrüchte

"Birobidschan" von Tomer Dotan-Dreyfus

Stand: 22.09.2023, 13:51 Uhr

Ein sozialistisches jüdisches Paradies im hintersten Sibirien? Tomer Dotan-Dreyfus nimmt das reale Birobidschan und stellt es von den Füßen auf den Kopf!

In der Literatur ist vieles möglich, im Grunde alles, was die Fantasie eben hergibt. Und wenn ein fantasie- und sprachbegabter Autor auch noch auf einen realen Stoff stößt, der für sich genommen schon wirkt wie ein Märchen, dann ist ein Feuerwerk möglich. Und es ist ein Feuerwerk, was der 1987 in Haifa geborene Tomer Dotan-Dreyfus in seinem Debütroman "Birobidschan" abbrennt.

Ein Feuerwerk, in dem Realität und Geschichte und Märchen und Traum auf beglückende Art zusammenkommen. Das reale Birobidschan liegt fünf Eisenbahntage östlich von Moskau an der Grenze zu China. 1934 wurde hier auf Wunsch Stalins ein Jüdischer Staat innerhalb der Sowjetunion proklamiert. Lieder über Birobidschan wurden geschrieben, ein Film wurde gedreht und Sozialisten aus aller Welt machten sich auf, um hier den alten Traum von einem jüdischen Staat zu verwirklichen.

Dotan-Dreyfus erfuhr davon aus dem Internet, als er in Berlin Jiddisch lernte. So ähnlich wie sein Held Boris Anfang der 1930er Jahre, der das vermeintliche jüdische Paradies zuerst auf einem Plakat sah: Berge mit weißen Gipfeln über flaschengrünen Abhängen und akkurat gepflügten Feldern. Ein Garten Eden.

Das reale Birobidschan war zwar sozialistisch, aber nie ein Paradies und Juden leben hier schon lange nur noch wenige. Darum machte Tomer Dotan-Dreyfus aus der guten Idee einen märchenhaften Roman.

Sein Birobidschan ist ein Zauberland hinter den sieben Bergen. Seine Bewohner sind reizende Menschen, denen Geld nichts bedeutet. Sie heißen Sascha und Rachel und Mordechay und Sulamith. Sie angeln noch im Mai auf dünnem Eis, weil der Winter die Seelen ausgedörrt hat. Sie haben genau ein Grammofon und hören darauf Brahms. Und die jungen Leute treffen sich unter einem magischen Baum und sagen zueinander "Ja, aber zuerst - küss mich!".

Irgendwann aber endet die Sowjetunion, eine neue Zeit bricht an und die Grenzen werden porös. Manche fahren ins ferne Moskau und staunen. Andere brechen auf ins Tunguska-Gebiet, wo 1908 ein Meteorit einschlug. Und einer hat Kawabata Yasunari gelesen und will nach Japan. Gleichzeitig kommen zwei seltsame Jäger aus Moskau, um einen Kragenbär zu jagen.

Es gibt Tote, das Böse hat Einzug gehalten im Paradies. Aber die 320 Seiten, die wir mit Tomer Dotan-Dreyfus in diesem Paradies verbringen durften, gehören zum Verblüffendsten, das die deutsche Literatur in diesem Jahr zu bieten hat!

Eine Rezension von Uli Hufen

Literaturangaben:
Tomer Dotan-Dreyfus: Birobidschan
Voland und Quist Verlag, 2023
320 Seiten, 24 Euro